Bachmannpreis ORF.at Texte
FR | 11.02 | 15:51
Klaus Böldl (Bild: Johannes Puch)
Klaus Böldl
Passau - ein Versuch (Auszüge)

Passau
Ein Versuch.
(Auszüge)
 
An einem geräumigen und milden Vorfrühlingstag taumelt der erste Kohlweiß-ling über die steinerne Kante der Passauer Innpromenade hinweg, wagt sich ein Stück in den sonnigen durchsichtigen Luftraum über dem Wasser und ist im nächsten Augenblick schon wieder außer Sichtweite. Der Blick schweift über den Strom, und die Hügelkette dort drüben, über den wetterfleckigen Ziegeldä-chern der Innstadt, sendet das fahle Grün einer vergilbten Farbphotographie her-über. Nur an manchen Stellen werden die Wiesenflächen, seltsam entstofflicht und wie im Weltraum verloren, unterbrochen von feuchten anthrazitfarbenen Waldflecken, in deren Innerem man sich Dunkelheit und Stille denkt; nur hier und da dringt vielleicht ein Sonnenstrahl bis auf den mit braunen Nadeln be-deckten Boden herab.
Geht man auf diesen Hügeln herum, erreicht man irgendwann einmal eine Stel-le, von der aus man, freilich nur einen unmessbaren Moment lang, das Gefühl hat, die Stadt versinke gerade lautlos in einen still besonnten Abgrund, einer Kluft in der Landschaft, die sich gleich danach wie der Zugang zur Höhle im Märchen von Aladin und der Wunderlampe unwiderruflich schließen wird. Und es kommt einem vielleicht in diesem Moment so vor, als ob man sich vorher von der Stadt noch ein deutlicheres Bild machen sollte.

Viele Menschen mit bleichen Händen und Gesichtern, die vielleicht zum ersten Mal seit Monaten ihre Mittagspause wieder einmal im Freien verbringen, wan-deln an meiner Bank vorüber, manche so nahe, dass ich sie berühren oder mit einem ausgestreckten Bein zu Fall bringen könnte. Zwei Männer in grauen An-zügen, Sonnenbrillen mit Spiegelgläsern und lustig gemusterten Krawatten tra-gen eine Brotzeit vor sich her, eingewickelt in Alufolie, die in der Sonne glitzert, so dass man meinen könnte, es sind Monstranzen, die sie da mit sich führen. Zwei Enten watscheln hinter den Angestellten her, als wollten sie sie nachäffen, lassen sich dann im nächsten Moment ins Wasser gleiten.
Die stromaufwärts in die Richtung der Universität spazierenden Menschen ha-ben doch etwas Langsames, Beschwertes, Widerwilliges in ihrem Gang, als hät-ten sie eine Steigung zu bewältigen, oder stapften durch tiefen Schnee. Diejeni-gen hingegen, die mit dem Fluss zur Ortsspitze unterwegs sind, wo Donau und Inn eins werden und ein weites Becken bilden, laufen ganz leicht, wie mit dem Frühlingswind. Sie gestikulieren mit weit ausladenden Armbewegungen und schauen keinmal zurück. So will man, dass sie sind, dass es ist. In einen Zu-sammenhang verwoben. Die Menschen sollen nicht unberührt sein von den von weither aus den italienischen Alpen hervorkommenden und weite fruchtbare Landstriche zerteilenden Wassermassen, an deren Rand sie sich kühn entlang bewegen, als wäre das nichts, zu Fuß, einige auf Fahrrädern.
In sich gekehrt und fast regungslos windet sich in meinem Rücken die Ilz durch die nach ihr benannte, zwischen zwei felsige Höhenzüge eingelassene Vorstadt, ein erstarrter Glasfluss von tintenschwarzer Färbung: Ereignet sich hier und da ein sonniges Erglänzen auf seiner Oberfläche, zeichnet ein Windstoß flüchtig eine silbrige Maserung auf seinen Spiegel, so verdeutlicht dies nur die allem Anschein nach vollkommen undurchdringliche Tiefseefinsternis darunter.
Die ganze Stadt möchte man von ihren drei Flüssen nicht nur gegliedert, son-dern auch bestimmt, beatmet und geleitet sehen, bis in ihr Innerstes hinein. Ob man wohl anders träumt, wenn man ganz nahe am Wasser wohnt? Manchmal erheben sich die Flüsse aus ihren Betten und geistern in Schwaden durch die Stadt. Viele Wochen im Jahr bewegen sich die Menschen hier im dichten Fluss-nebel, einem weißgrauen Leuchten auf den Netzhäuten, das die Farben und Um-risse der Dinge sanft außer Kraft setzt. Im Frühjahr gieren die Flüsse über sich hinaus, legen weite Spiegelflächen an und steigen die Gassen hinauf und die Keller hinunter.

Die Stadt hat eine überall in den Gassenschatten, auf den Anhöhen, unter den bröckelnden Torbögen und in den kalten Kirchenräumen noch aufgestaute Ver-gangenheit. Manchmal weht sie einen als Moderduft an, manchmal ist sie nur ein kälterer Luftzug, oder eine verzogene Hausmauer, oder ein altertümlicher Name: Beiderwies. Sie spricht sich aus in der gelben, an einen Nikotinfleck er-innernden Verfärbung der Turmuhr von St. Paul. In dem Kreuz auf der Wiese am Waldrand oben auf dem Hammerberg, das einmal Schlageterkreuz hieß. In den Fenstern über dem Schuhgeschäft am Rindermarkt, die tief eingelassen sind wie Schießscharten an einem Burggemäuer, und an denen man jede der sechs Scheiben für sich öffnen kann.
Dann schlägt es nacheinander von den Kirchen der Altstadt in meinem Rücken dreiviertel eins: Die tiefe gedrungene Glocke wird die des Doms sein, die etwas hellere und fast ein wenig leichtsinnige vielleicht die der Studienkirche St. Mi-chael, und vor mir über den Fluss dringt das sachliche Läuten der Innstadtkirche, gefolgt von dem sehr fernen, womöglich auch nur eingebildeten Totenglocken-gebimmel von den Türmen des Mariahilfklosters, dessen durchbrochene Hauben hoch über dem Dächergeschiebe der Innstadt aufragen. Seit Jahrhunderten wird so ein dichtes Netz aus Glockenklängen über die Tage geworfen, seit dem Mit-telalter ist keine einzige Stunde ungezählt und unbeaufsichtigt geblieben.
Nur am Karfreitag, fällt mir dann aber ein, ist es anders: Da haben die Menschen früher immer in den Kirchen die Leiden Christi in einer „Passion-Comedi“ nachgestellt. Erst im Jahrhundert der Aufklärung gelang es den Behörden, dieses Treiben zu unterbinden, bei dem es vorkommen konnte, dass der Heiland im Nachthemd und mit einem Haarnetz auf dem Kopf in Erscheinung trat. Man war ausgelassen und doch ganz bei der Sache. Draußen der Tag aber blieb, wie er es bis heute ist, eine stille, ungeformte Masse von Momenten, die nicht in ausleb-bare Zeiträume unterteilt werden durfte: Läutete man an diesem Tag eine Glo-cke, löste sich diese sogleich aus ihrem Gestühl heraus und schwebte nach Rom.
Dann sind die drei Glockenschläge verklungen, die Möwen sitzen wieder still auf Ufersteinen, Brückengeländern und Dachfirsten, oder sie lassen sich auf dem Wasser treiben. Die Mittagspause geht zu Ende, die Spaziergänger auf der Pro-menade werden weniger, sie lösen sich auf in Einzelne, verwandeln sich in lau-ter Rentner, kaum sind jetzt mehr Stimmen zu hören. Nur noch dünne zitternde Linien von fernem ununterbrochenem Verkehrslärm ziehen sich durch das Flusstal.
Es ist einer von den Passauer Momenten, der sich jetzt auf die Gassen und Plät-ze und Uferanlagen herabsenkt, ein Moment, der gereinigt scheint von allem Augenblicklichen und Austauschbaren, ganz wie die Landschaften und die Ge-genstände auf den Altarbildern aus dem Spätmittelalter mit ihren unwahrschein-lich steil gewölbten Hintergrundshügeln. Ein Moment, in den nichts Gewesenes und auch nichts Bevorstehendes seinen Schatten hineinwirft, und in dem doch die ganze Vergangenheit der Stadt bis in ihre keltische Zeit, vielleicht sogar bis in ihre diluviale Vorgeschichte eingeschlossen ist oder vielmehr gerade stattfin-det, still und gestaltlos sich in sagenhafter Eindringlichkeit ereignet.
Im Halbschlaf habe ich diesen Moment, der ganz sicher unter dem Alltagsfirnis unausgesetzt anhält, schon oft erfahren, beim gedankenlosen Hinausschauen aus einem tiefen Wirtshausfenster auf eine in taubenblauen Schatten dahindäm-mernde Nachmittagsgasse, in die manchmal ein Sonnenblitz fällt, wenn jemand ganz oben ein Fenster öffnet. Oder beim Entlanggehen auf dem mit Nesseln, Gras und Gestrüpp halbüberwachsenen Schienenstrang, der dem Südufer des Inns folgt, an dem verlassen und abgetan dastehenden Rosenauer Bahnhofsge-bäude vorbei und dann noch viel weiter an den kleinen spießigen Gärten und den ganz und gar überwachsenen winzigen Häusern am Ufer entlang, bis der Inn sich schon längst in die Donau verwandelt hat.
Und einmal erlebte ich diesen Moment, als ich am Ende eines falschen Sommer-tags im Oktober auf der Marienbrücke stand. Der Boden unter mir schwankte unter dem nur langsam versiegenden Feierabendverkehr, der etwas eigenartig Friedliches an sich hatte, vielleicht weil die Leute alle nach Hause unterwegs waren. Der Mond stand da als fleckiges Kupferstück dem Anschein nach haar-genau über dem Zusammenfluss der beiden Ströme, mit einer kleinen tinten-schwarzen Wolke am unteren Rand, der einzigen am ganzen Frühnachthimmel.
Alles dämmert herauf, ereignet sich, kommt vor und tritt zutage in einem sol-chen Moment, und es kommt einzig darauf an, wo man hinschaut, welche Wege und Abwege man einschlägt, welchen Begebenheiten man hinterher sinnt: den weit zurückliegenden verheerenden Feuersbrünsten, die im Bedenken noch ein-mal hell aufflammen, den frommen Wundererscheinungen noch fernerer Tage, dem langsamen Herauswachsen und unbegreiflichen Zum-Vorschein-Kommen einer spätgotischen Marienfigur aus einem Klotz von Lindenholz, den immer wiederkehrenden Hochwasserverhängnissen, dem Aufmarsch der braunen Hor-den oben auf dem Hammerberg, dem Dunkel eines mittelalterlichen Torbogens oder einer verschütteten Kindheitserinnerung, die nur mehr einen Farbton ins Bewusstsein aussendet, ein zerschlissenes Grün vielleicht, oder ein vages Al-leinseinsgefühl unter himmelhohen Sommerbäumen.

Aus den beiden Silben des Stadtnamens steigen verschwommene Kindheitsbil-der auf, ein freier Wiesenplatz mit Wäschestangen und Mädchen in altmodi-schen Sommerkleidern, Morgensonne auf einer hell getünchten Hauswand, in einer großen Wohnküche ein Linoleumboden, in dem sich ein fernes Stück Himmel spiegelt, draußen dunkel strömendes Wasser zwischen dem Gezweig von Büschen, in dem der Wind wühlt und die silbergrauen Unterseiten der Blät-ter hervorsucht.
Ganz im Inneren des Passauwortes eingemauert sind Kindheitslaute, die selbst in der Erinnerung immer gerade schon verklungen sind oder als böser Nachhall über den großen steilen Dingen der ersten Lebensjahre liegen.
Ich war auf diesem fernen Passaustern nichts als ein lidschlagkurzer Blick auf eine in der Sommerglut liegende Straße, der Geschmack von Erdbeereis, ein Geblendetsein von den Sonnenstrahlen auf einem Wasserspiegel oder ein be-sänftigendes Gestreicheltwerden. Allmählich nur begann ein erst bloß flackern-des, ungewisses und immer wieder erlöschendes Ich in dieser Welt sein kleines geisterhaftes Wesen zu treiben, das sich freilich nie zu einem vollgültigen, durchgängigen Vorhandensein auswuchs.
Das Knien am Küchenfenster in frühen Morgenstunden, ein langer schweigen-der Augenblick wie die frühesten Filmaufnahmen, war jedes Mal mit dem War-ten auf Schiffe verbunden. Es konnte geschehen, dass sie plötzlich ein tiefes, volltönendes Tuten in die Stille hineinstießen, das dann noch lange in den Bü-schen und Bäumen draußen bebte und rieselte; aber ihre Bewegungen den Fluss hinauf und hinunter waren so lautlos und glatt, als schwebten sie in Wahrheit über dem Wasser dahin. Schwarze Kähne und weiße Schiffe gab es. Die schwarzen Kähne kamen von weit her vom Schwarzen Meer, hatte mir irgend-jemand erklärt.

Wie eine übrig gebliebene Freilichtkulisse erhebt sich der Kindheitsstadtteil Haibach heute über dem rechten Ufer der auf dieser Höhe sehr breiten Donau. Halb verborgen hinter einer Wohnanlage aus Plattenbauten, die in den achtziger Jahren hochgezogen wurde, ragen Häuser, Zäune, Bäume verschwiegen, als schämten sie sich ein wenig ihrer Unzugehörigkeit, in die Gegenwart hinein. Eingelassen in eine waldige Hügellandschaft stehen Mehrfamilienhäuser neben Bauernhöfen, dazwischen Bungalows, als habe man alles achtlos zusammen ge-schoben und sich selbst überlassen nach der letzten Vorstellung.
Doch ist es möglich, in den Straßen von Haibach herumzugehen und man be-wegt sich dabei nicht etwa in einem Museum, in dem man weit in der Geschich-te zurückliegende Lebensformen betrachten kann, sondern man befindet sich mitten in einem „Wohngebiet“ wildfremder, selten nur sich zeigender Men-schen. Manchmal grüßt einer, aus einem Garten heraus, aus dem Augenwinkel, mit zerstreuter Herzlichkeit, als sei es ihm gar nicht aufgefallen, dass man ja schon seit fünfunddreißig Jahren nicht mehr da ist.
Auch ist die Grenze zwischen dem Passauer Stadtteil und dem ober-österreichischen Dorf Haibach heute längst verblasst; nur das blaue Schild mit den gelben Unionssternen und die beiden Länderschilder an der Haibacher Stra-ße zeigen an, dass hier zwei Nationen aneinander stoßen, entlang einer gedach-ten Linie in einer Hügellandschaft, die es an Abgeschiedenheit und Weltferne mit jeder winzigen Insel in den Weiten des Pazifischen Ozeans aufnehmen kann.
Auf einer Bank in Haibach sieht man einmal einen Halbwüchsigen in sackarti-gen Hosen, die Baseballmütze verkehrt auf dem Kopf, sich über sein Mobiltele-fon beugen, einen Augenblick lang mit dem selben Ausdruck inständiger Zuge-wandtheit im Gesicht wie ein paar Schritte dahinter die auf das Kind in ihren Armen herunterschauende Muttergottes.
Die Straße, die Schienen, der Fluss, der ferne, die Wölbungen der Hügel nach-vollziehende Nadelwaldsaum im Augenwinkel: Linien, Grenzen und Kanten, die wie Wasserzeichen auch durch andere, ganz ferne Orte aus viel späterer Zeit hindurchschimmern: Als ob sich die Welt ordnen hieße, in ihr die Dinge und Umrisse der frühesten Kindheitsplätze wieder zu finden, beim Blick aus dem Zug auf einen morgendlichen Feldweg mit gefrorenen Pfützen, die im Morgen-licht aufgleißen; auf dem täglichen Weg zur Bushaltestelle, wo manchmal eine Krähe schmutzig glänzend auf dem Rand des Abfallbehälters sitzt, beim Beo-bachten des immer wiederkehrenden Meisenschwarms in dem kahlen Holunder-gezweig unter dem Fenster meines Arbeitszimmers.

Viel später herrscht einmal ein klarer, kühler Herbstmorgen, mit rauchigem Sonnenschein, der sich nur auf dem gelben Laub und den weißen Stämmen der Birken zu etwas Warmem und Leuchtendem verdichtet. Der Blick vom Innsteg in Richtung Westen fällt auf eine scheinbar dichte, in sanften Wellen bis zum Horizont reichende bläuliche Waldwildnis, aus der nur in der Nähe noch ein paar Häusergruppen hervorsehen.
In zwei-, dreihundert Metern Entfernung überspannt die Stahlkonstruktion der Kaiserin-Elisabeth-Eisenbahnbrücke den Fluss. Von dem kathedralenartigen Bau, den die Brücke bis gegen das Ende des Krieges vorgestellt hat, ist heute nur noch ein sechseckiger, in Zinnen auslaufender Turm übrig, der aus den me-tallisch glänzenden Weidenlaubwänden am rechten Ufer hervorragt und sich im kreiselnden Innwasser unsicher spiegelt.
Früher einmal, bevor die Nazis die Brücke gegen Kriegsende in die Luft spreng-ten, waren je zwei solcher Türme an jedem Ufer durch ein von Säulenreihen durchbrochenes Mauerwerk verbunden gewesen. Die beiden Gleise der nach Österreich hinüberführenden Westbahn führten durch gotische Torbögen hin-durch, für etwa achtzig Jahre, und man stellt sich vor, wie die Türme, Zinnen und Säulen des Brückengebäudes im Lokomotivenrauch aufgelöst wurden und wie dann, erstaunlicherweise, doch immer wieder alles in seine ursprüngliche Gestalt und an seinen alten Platz zurückfand.
Das Gefüge aus stählernen Streben, das man in den Nachkriegsjahren an die Stelle des Märchenpalasts gesetzt hat, zerfließt in einer mit einem Mal vor mir aufscheinenden Kindheitserinnerung. Plötzlich spaziere ich mit dem Großvater wieder den Uferweg entlang, an einem kalten windigen Morgen. Mich friert an den Zehen und die kalte Luft tut den Lungen weh. In den treibenden Flussnebeln ist die Brückenkonstruktion auf geheimnisvolle Weise untergegangen, um sich eine Minute später wieder als zusammengefügt vorzustellen, ein schwarzes Ge-flecht vor einer milchweißen Wand, die sonst alles lautlos verschlungen hat. Mir ist, als hörte ich die seit vielen Jahren schon verklungene Stimme des Großva-ters plötzlich wieder, doch noch bevor sich die Erinnerungslaute zu Worten ver-dichten, bringt das leise Vibrieren des Innstegs, bewirkt durch zwei vorbeijog-gende Mädchen, alle Bilder in mir zum Aufhören.

Der Stadtteil, der sich zwischen den steilen, teils bewaldeten, größeren Teils a-ber mit Gras bewachsenen Hügeln im Süden und dem Ufer des Inns ausbreitet, ist nicht anders als die Altstadt selbst schon in der Römerzeit eine Siedlung ge-wesen, und es ohne nennenswerte Unterbrechung bis zum heutigen Tag geblie-ben. Die Gegend hat sich nicht abgenutzt durch fünfzehn, zwanzig Jahrhunderte des Bewohntseins, doch ist ihr ist vielleicht die Geschäftigkeit und Augenblick-lichkeit zu einem Gutteil abhanden gekommen. In der Lederergasse bestehen manche der Häuser nur aus einem einzigen niedrigen Geschoß, mit noch einem Fensterchen oben im Giebel. Unvermittelt und wie eine ernste Drohung kann über einem solchen Spielzeugdach mondgleich eine der grünen Zwiebelhauben des Domes aufgehen.
Rechts von der Brücke erhebt sich gleich über dem Gestrüpp der Uferböschung die fleischfarben getünchte Severinskirche, ein einfaches und schon durch das Fehlen eines Glockenturms altertümlich wirkendes Gotteshaus, dessen Anfänge sich tatsächlich in den Jahrhunderten vor dem Mittelalter verlieren. Das hohe steile, vom anderen Flussufer aus betrachtet beinahe senkrecht erscheinende Ziegeldach erinnert an fromm gefaltete Hände.
Die Kirche ist von einem Friedhof umgeben. Photographien der Verstorbenen an manchen der Gräber ringsum, und während man sie ansieht und zwischen den dichten Gräberreihen herumgeht und daran denkt, dass man manchen von diesen Leuten im Leben einmal begegnet sein wird, blinkt im Augenwinkel immer wieder einmal wie eine Sehstörung der rasch vorüberströmende Inn auf.
Ein kleiner Seitenraum gleich neben dem Eingang der Kirche heißt die Seve-rinszelle. Hinter einem bis zur Decke hinaufreichenden Gitter zeichnet sich da auf Augenhöhe eine dicht gedrängte Gruppe ellenhoher Gestalten ab, unsicher verfließend im Dämmer. Erst wenn man den Lichtschalter am Zelleneingang drückt, gleiten die tiefen Schatten wie ein schwarzes Tuch von den Figuren ab, und jedes Mal kommt mir dieser in Wahrheit gar nicht wahrnehmbare Vorgang traumhaft verlangsamt vor. Jetzt klärt sich das dunkle undurchsichtige Gefüge ineinander übergehender Körper und Gliedmaßen zum Abbild der Apostel, die betend und trauernd die gerade ihr Leben aushauchende Maria umgeben. Alle Figuren sind goldgefasst, nur hier und da sieht ein braunes Gewand unter einem Umhang hervor, irgendwo schimmert ein fahlgrüner Ärmel, und Marias Gewand erstrahlt in einem lebhaften Rot.
Trotz des Golds der wallenden Stoffe, in die die Figuren gehüllt sind, meint man nicht in ein biblisches, sondern unmittelbar in ein sich gerade eben abspielendes Geschehen hineinzuschauen. Viele der Figuren erscheinen vertraut, nicht weil man Petrus oder Johannes eben auch schon von anderen Bildwerken her kennt, sondern weil die Gesichter vielleicht allesamt kennzeichnend für den niederbay-erischen Landstrich sind.
Manche der Apostel sind glatzköpfig, andere haben Bärte. Einige haben ein Doppelkinn, und aus ihren Gesichtern leuchtet noch durch den Kummer hin-durch die verfressene Selbstzufriedenheit hervor, die einem so vertraut ist von manchen Vertretern der in Bayern vorherrschenden Partei. Petrus, der vor Maria niederkniet und ihr die Sterbekerze tragen hilft, ist ein hagerer Alter mit gutmü-tigen Zügen. Maria selbst erscheint als eine abgearbeitete müde Bäuerin mit ei-nem spitzen Kinn. Der hoch gewachsene bartlose Johannes mit den länglichen und doch weichen, ein wenig fraulichen Zügen, der die Gottesmutter von hinten stützt, ist mir in der Gegenwart schon häufiger begegnet, als Kellner in einem Biergarten, oder als Friedhofsgärtner. In der Erinnerung lösen sich seine hier in einem Stück Lindenholz eingewinterten gutmütig-einfältigen Züge von einem Nachbarssohn, der vor Jahrzehnten schon mit seinem Käfer einen tödlichen Un-fall gebaut hat, und lassen sich auf dem bartlosen Gesicht eines einsilbigen Bus-fahrers nieder, auf einer Fahrt durch den Bayerwald an die tschechische Grenze, an einem trüben Nachmittag im September vergangenen Jahres.
Ein paar hundert Meter weiter, in einem Seitenraum der Wallfahrtskirche, oben auf dem Mariahilfberg, hängen dicht an dicht an den Wänden Ex-Voto-Tafeln, auf die oft nur ungelenk Maria mit dem Kind aufgemalt ist, manchmal noch ein Dankspruch. Andere Tafeln erzählen deutlichere Geschichten von Unglück und wundersamer Hilfe. Zwei oder drei der ältesten Votivbilder zeigen eine Pilger-schar, die gerade auf dem Inn oder der Donau Schiffbruch erlitten hat. Verzwei-felt treiben die Wallfahrer in den grünen Wellen oder klammern sich an den Planken der zerschellten Fähre fest, um nicht unterzugehen, während sich über ihnen der Himmel schon geöffnet und die Muttergottes mit dem Erlöser auf dem Arm sichtbar gemacht hat, von der zum Zeichen der nahenden Errettung goldene Strahlen, den Unglücklichen noch unsichtbar, auf den Elendsort herabfallen.
Einem Mann ist das Gewehr beim Schießen in die Luft geflogen und er hat da-bei sein Augenlicht verloren, einem anderen, der sich eine fein gemalte Darstel-lung seines Unglücks leisten konnte, wurde das Bein zerdrückt, als er unter die Räder seines eigenen Fuhrwerks geriet. Alle wurden sie durch Maria wieder her-gestellt. Auf einem kleinen Ölbildchen sieht man einen Mann, der wie vor einem Fetisch mit gefalteten Händen vor einem überlebensgroßen Fuß kniet. Der Schauplatz ist eine Wiese; neben dem so eigenartig, fast beklemmend verselb-ständigtem Fuß steht noch eine gefleckte Kuh und schaut gleichgültig vor sich hin, während am Himmel wiederum die Muttergottes über der unwirklichen Veranstaltung thront. Unter dem Bild stehen die Worte Durch die Fürbitt Maria ist mein schwer verunglückter Fuß wieder gehent worden.
Als ich etwas später den Rosenauer Weg am Innufer entlang gehe, fällt mir ein Photo ein, das meine Mutter zeigt, wie sie unter einem glanzlosen, einfärbigen Himmel das für mich unvorstellbarste aller Dinge in einem Kinderwagen genau an dieser Stelle vorbeischiebt, nämlich mich selbst in Gestalt eines Säuglings.
Der Inn erinnert mich, wenn er auch viel ruhiger, ja in einer beinahe kometen-haften Lautlosigkeit dahin schießt, an die unbändigen, heutigentags noch ganze Landstriche umgestaltenden Gletscherflüsse, wie sie im Süden Islands vorkom-men. Kurz vor seiner Mündung aber erscheint die Wasserwildnis unter die Ober-fläche gebannt. Unwillkürlich stellt man sich im Inneren das Walten alles zer-malmender Kräfte vor, von denen die kräuselnden und funkelnden Strudel auf dem Wasserspiegel nur ferne, vermittelte Anzeichen darstellen, wie das Erzit-tern der Glasscheiben, wenn sich weit weg eine Explosion ereignet.
Da ist der Schotter, der Sand und der Fels am Innufer, deren bleichgewaschene Grautöne zum urzeitlichen Gletschergrün des Wassers stimmen; die in der Flussbrise rieselnden Weidenbüsche, die kleinen gedankenlos vor sich hinsir-renden Birken, deren weiße Stämme in der Nachmittagssonne wie glasiert wir-ken. Da ist der von großblättrigem Gesträuch, von schwankendem Schilfgras und farnartigen Gewächsen auf den letzten Metern vor seiner Mündung in den Inn vollkommen überwucherte Mühlbach, über dem in der Abenddämmerung die Luft oft erfüllt ist von dem unwirklichen Schwirren der Fledermäuse. Da sind die wegen des ansteigenden Geländes steilen und manchmal von Treppen unterbrochenen schmalen Quergassen mit den wunderlich gerundeten, wie auf-geblähten mittelalterlichen Hausmauern, die Waldflecken am Hang, lichtgrün und schwarzgrün gesprenkelt, oben im Gehölz des Lindentals durchsetzt von Gartenflüchtlingen, deren große, seltsam geformte Blätter und träumerisch fremdartigen Früchte aus dem Dämmer des Unterholzes hervorschimmern. Da sind die überwachsenen Böschungen, die von fern betrachtet fast senkrecht ab-fallenden Wiesenhänge, dann die auch weit entfernt von Gärten wachsenden Apfelbäume, von niemandem je abgeerntet, sich in unbegreiflicher Bedächtig-keit ihrer Früchte entledigend, die bis in den November hinein einen süßlichen Moderduft verströmen und sogar so spät im Jahr noch graue wütende Wespen anlocken, da sind die die Südhänge hinunterrauschenden, unter den Straßen kurzzeitig verschwindenden und manchmal im Dickicht stockenden Bäche, dunkel und kalt, und hier und da drängt der felsige Untergrund der Tallandschaft ans Tageslicht, eisengrau oder in stumpfe Brauntöne hinüberspielend. Da ist das gegen einen Treppenabsatz gewehte, im Lauf der Monate braunschwarz und breiig gewordene Vorjahreslaub, von dem man, einem ersten Schmetterling fol-gend, aufblickt zu einem im Gegenlicht liegenden fahlgrünen Hügelkamm über altersschiefen Ziegeldächern. Die kahlen Bäume mit dem akribisch ins Fahlblau eingravierten Astwerk, die den Kamm säumen, haben etwas Seiltänzerisches an sich.