Pressetexte zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt

Die Welt
27.07.2002
Bye,bye, Neolithikum

Die Geschichte der Menschheit beginnt jetzt. Sagt der Schweizer Schriftsteller Hugo Loetscher

War das nicht damals, als die einen meinten, die Geschichte sei an ihr Ende gekommen, während andere überzeugt waren, dass die Geschichte an ihrem Anfang steht - ich gehöre zu den andern. Nun hat der Polit-Prophet Francis Fukyama seine Ansichten vom Ende der Geschichte inzwischen korrigiert; nach wie vor weiß er, wohin die Geschichte geht: in eine Demokratisierung westlicher Prägung, was dank des freien Marktes garantiert sei.

Mit dieser Geschichtsphilosophie wäre auch sein momentaner Präsident einverstanden. Georg W. Bush hat in seiner Berliner Rede für seine Credo-Politik europäische Unterstützung gesucht: "Unsere Geschichte driftete manchmal auseinander, dennoch versuchen wir, nach den gleichen Idealen zu leben. Wir glauben an freie Märkte, gemildert durch Mitgefühl" - was wohl heisst, dass wir für die Wunden, die der freie Markt schlagen könnte, den Verbandstoff mitliefern oder mitverrechnen.

Und da sind die andern, die die Zeit absteckten von den so genannten Entdeckungen und der Konquista bis heute, mit all den epochalen Abstufungen von Kolonialismus und Imperialismus bis zum heutigen Postkolonialismus - mit dem Ergebnis, dass Weltschicksal unteilbar geworden ist, ob zu unserem Glück oder Unglück. Dies würde bedeuten, dass das, was jetzt beginnt, zum ersten Mal tatsächlich Weltgeschichte wäre, und das, was bisher geschah, Regionalgeschichte war, wobei die Regionen so groß sein können wie Kontinente und Subkontinente.

Und zu diesem Neuanfang passten nicht schlecht die heutigen Völkerwanderungen, wobei das Wort Wanderung denen, die mit der Habseligkeit des nackten Lebens unterwegs sind, kaum gerecht wird - Wanderungen mit Lagern, Quoten, illegalen Grenzübertritten, Schleppern, Asylantenheimen, Fremdenpolizei.

Falls aber erst jetzt Weltgeschichte beginnt, hätten wir bis jetzt in einer Art Vorgeschichte gelebt, um nicht zu sagen in der Prähistorie, wobei wir nicht gleich so weit zurückgehen müssen wie der Philosoph Vilèm Flusser, der überzeugt ist, dass wir eben daran sind, das Neolithikum hinter uns zu lassen. Wie auch immer, anstelle der Neusteinzeit tritt eine Menschheitsgeschichte, die unausweichlich Weltgeschichte ist. Damit könnte man endlich daran gehen, wovon bisher nur spekuliert und geträumt worden ist, an den "neuen Mensche"".

Dieser neue Mensch steht auf dem Programm der Hoffnung seit der Renaissance: seitdem das Individuum sich selber zum Thema macht. In der Philosophie wie in der Literatur. Bis zu einer sich selber genügenden Subjektivität, wie wir sie in Romanen und Erzählungen erleben, wo mit exhibitionistischer Unbekümmertheit die Privatsphäre Stoff abgibt, als ob die sexuelle Intimität das letzte Unerforschte des Menschen darstellte, das entsprechend lustvoll ausgekundschaftet wird.

Sollte das, was sich damit als Zeitgenossenschaft bekundet oder sich gar als zukunftsweisend ausgibt, bloße Aufräumarbeit sein? Ein Abschlusskapitel? Die Themen noch einmal durchspielen, um Abschied zu nehmen, ob mit Trauer oder Gelächter. Avantgarde für den Flohmarkt. Das Theater zum Beispiel, nicht nur in seiner inszenatorischen Verpackung, gefällt sich darin, weitgehend parodistisch zu sein, bis nicht mehr klar ist, was parodiert werden soll. Es scheint nach wie vor origineller (oder einfacher) zu sein, Shakespeare unkenntlich zu machen als ein eigenes Stück zu erfinden. Parodie setzt nun einmal Wissen voraus; fehlt dieses, wird Parodie als Befragung und in Fragestellung ein Witz pour le Witz.

Und dem entsprechend hat es auch die Ironie nicht leicht. Sie ist als Akt der Befreiung von Autoritärem nicht nur negierend, sondern Zukunft öffnend; jedoch - sie soll dandystisch wirken und zu einem Mittel der Trivialisierung werden, wenn es nichts mehr zu desillusionieren gibt, so dass man ein neues Pathos fordert. Doch wer sich in der Politik, in den Medien und im Alltag umsieht, wird bald feststellen, in welch überraschendem Maß sich tradierte Klischees und fixierte Ideen behaupten oder von neuem zu Wort melden. Xenophobien aller Arten. Da ist noch Einiges und Parteiprogrammatisches in Frage zu stellen. Dem Beharrungsvermögen ist eine andere Hartnäckigkeit entgegenzuhalten,die Entschiedenheit zur Kritik, deren Leistung schon darin bestehen mag, nicht zu resignieren.

Steht das nicht im Widerspruch mit der Tatsache, dass es praktisch kein Tabu gibt, das noch gebrochen werden könnte? Sollte dies damit zusammenhängen, dass nicht alle Tabubrüche über die Interna der Feuilletons hinauswirken, Epizentren mit beschränkter Haftung?

Nun ist die Geschichte, falls sie eben erst beginnt, auf entsprechende Voraussetzungen angewiesen. Und diese wiederum ergeben sich nur, indem Hierarchien abgebaut werden und Mythen fallen. Dieser Demystifizierungsprozess spielt sich unter recht unterschiedlichen Voraussetzungen ab. Wenn Frankreich von der "grande nation" Abschied nehmen muss, wenn aus einem Empire wie England eine Europa vorgelagerte Insel wird, wenn Spanien längst nicht mehr ein Bollwerk des christlichen Abendlandes ist, von "Gottes eigenem Land" nicht zu reden und nicht von der einstigen Mutter des Sozialismus. Am deutschen Wesen will selbst Deutschland nicht mehr genesen. Als das Habsburgerreich unterging, redete man vom Untergang der Menschheit, es blieb ein enorm literaturträchtiges Österreich übrig. Stabil aber ist mein Land, die Schweiz; sie beharrt auf einem Sonderfall, der sie nicht ist.

Diese Demystifizierung spielt in einer widersprüchlichen Situation: während in Europa nationale Vorstellungen in Frage gestellt werden, bietet das Nationenbekenntnis in den ex-kolonialen Erdteilen einen ersten Halt für eine neu erworbene (oder einfach zugewiesene) Unabhängigkeit. Anderseits hat der Nationalismus zeitweilig Unterschlupf gefunden: das Fussballmatch wird zur spektakulärsten Vaterlands-Demonstration. Zwar verdienen die, welche für den Ruhm des einen Vaterlandes kicken, ihr Geld im Dienst eines andern Vaterlands und müssen nicht Angehörige des Vaterlandes sein, für das sie Fouls begehen. Ungeachtet dessen sind Weltmeisterschaften eine letzte Chance für patriotisches Hochgefühl.

Falls die bisherige Geschichte Lokal- oder Regionalgeschichte war, hat dies unweigerlich Konsequenzen für die nationalen Literaturgeschichten. Das erfährt schon das Material der Literatur, die Sprache. Das bestätigt die jüngere Einsicht, dass Deutsch eine plurizentrische Sprache ist, eine Einsicht, die wir nicht zuletzt ausländischen Germanisten verdanken, eine Erkenntnis, die ein Schweizer begrüßen mag, der nicht ohne gutnachbarlichen Neid feststellt, wie österreichische Kollegen unbekümmert mit Austriazismen umgehen und dafür von der bundesrepublikanischen Kritik als Sprachschöpfer gelobt werden, während der Helveter mit seinen Helvetismen sich dem alpinen Verdacht ausgesetzt sieht, dass seinem Deutsch das Jodeln im Weg steht. Wenn der Österreicher den "Obers mit der Schwingrute" schlägt, warum soll der Schweizer, der Milchwirtschaft nicht minder kundig, nicht den "Rahm mit dem Schwingbesen" schlagen.

Nun macht aber nicht nur das Deutsche einen solchen linguistischen Differenzierungsprozess durch. Es teilt seine Erfahrung mit andern Sprachen: das Englische hat es in Abgrenzung zum Amerikanischen längst vorgemacht. Das Französische kann seine Frankophonie nur verteidigen, indem es Kreolismen aus den Antillen akzeptiert und in seine Wörterbücher Regionalismen aufnimmt wie seit hundert Jahren nicht. Die Academia Real in Madrid kann angesichts von über zwanzig lateinamerikanischen Literaturen nicht mehr auf einem absolut korrekten Spanisch beharren. Das Portugiesische bereichert sich über Fernseh-Novelas. Prozesse, die verstärkt werden, soweit die gesprochene Sprache zunehmend in die geschriebene eindringt. Wir alle werden einen "nice accent" haben.

Es ist, als ob sich die Sprachen auf ihre Eigenheiten besinnen, herausgefordert durch die Tatsache, dass eine globalisierte Welt nicht ohne eine Vehikelsprache auskommen wird, wie angelsächsisch dieses Latein auch immer sein wird. Ein dialektischer Prozess zwischen unumgänglicher Angleichung und Selbstbehauptung, ein Konflikt, der in allen Bereichen spielt, der sich in der deutschsprachigen Literatur mit dem illustrieren ließe, was sich, wieder erwacht, als Heimatroman zu Wort und Lektüre meldet - mit allen Gefahren des Manierismus dort, wo das Besondere sich als besonderer Sprachstil manifestieren soll, nichts verführt so leicht zur Manier wie die gesuchte Einfachheit. Einer, der im Seitental am Nebenfluss aufwächst, hat Heimat, einer wie ich aber, der seine Kindheit in einem städtischen Arbeiterviertel verbrachte, ist literarisch heimatlos.

Die Erkenntnis, dass die eigene Literatur nur eine neben andern ist, ist alles andere als neu, neu aber ist die Konsequenz , wonach Hierarchien und Prioritäten hinfällig werden. Im intellektuellen Bereich wird nachvollzogen, womit sich die Politik (mit allen Spannungen) konfrontiert sieht: dass die Trennung von Zentrum und Rand an Bedeutung verliert oder gar aufgehoben wird - in einem solchen Weltbild ist die Vormachtstellung von einer zentralen Weltmacht zusehends prähistorisch.

Dadurch muss sich auch die Komparatistik herausgefordert fühlen, sich nicht länger zufrieden geben im traditionellen Aufspüren gleicher oder ähnlicher Motive: der Vergleich des Ehebruchs von Effi Briest mit dem von Madame Bovary, neben dem deutschen und französischen Ehebruch der russische bei Tolstoi und der portugiesische bei Queiroz, Ausschau haltend nach Ehe, die auf kirgisisch oder in Suaheli zu gebrochen worden sind - mit der Prähistorie unserer Literaturen werden sich die Listen unserer Erfahrung als unvollständig erweisen. Ingeborg Bachmann könnte die möglichen Todesarten um einige ergänzen.

Ein solches Bewusstsein ist notgedrungen Ausdruck von Übersetzungskultur. Und dies im vollen Wissen, dass Übersetzung und Original sich nicht decken, dass wir anderseits aber vom Original, vom andern und von den andern nur per Übersetzung Kenntnis nehmen können - es tut sich ein weites Feld der Annäherung und der Missverständnisse auf; aber es ist anderseits nicht so, dass innerhalb der nationalen Grenzen nur Verständnis und eitle Klarheit geherrscht hätten. Die Interpretation beginnt schon innerhalb der eigenen Sprachfamilie - ist Lesen nicht immer schon übersetzen innerhalb der eigenen Sprache?

Nun erhält die Übersetzung ihre besondere Bedeutung, weil in der übernationalen Kultur die akustischen und optischen Künste eine grundsätzlich grössere Chance des gegenseitigen Zurkenntnisnehmens haben; der Literatur hingegen sind aus sprachlichen Gründen Barrieren gesetzt. Das erklärt auch, weshalb die literarische Debatte rasch ins Provinzielle abgleitet, nicht frei von chauvinistischen Vorurteilen, dort Originalität feststellend, wo es sich um Variationen handelt.

Anlass durchaus, in die Diskussion der angelsächsischen Literaturkritik einstimmen, wo bezweifelt wird, ob wir mit den bisherigen literarischen Terminologien auskommen werden, ob wir nicht einiges an unseren prähistorischen Gattungsbegriffen zu korrigieren haben. Man könnte dabei von den Erfahrungen lernen, die in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts gemacht wurden im Umgang mit der Dritten Welt - es war vor allem die Soziologie und Anthropologie, die mit Begriffen an eine Realität gingen, die unter anderen historischen Bedingungen gewonnen worden waren. Ein Übertragen von Begriffen, das hochbelesen sich mit Modellen und Strukturen versperrte,was es sich anschickte zu verstehen.

Wenn ein Buch ein Werkzeugkasten ist, gilt dies erst recht für die Geisteswissenschaften und insbesondere die literarischen, die in dem Maß ins Hintertreffen geraten, als sie lediglich im abgesteckten Gärtchen ihrer Disziplin pflanzen und jäten. Das Überblickbare des unmittelbaren Umfelds kann sich als kultivierte Form von Kurzsichtigkeit erweisen.

Nicht allein nationale Gegebenheiten als Ausgangspunkt, um sich über die nationalen Grenzen hinaus zu orientieren, und sei es nur um des Abenteuer willens. Soweit unsere Bildung irgendwie humanistisch geprägt war oder noch ist, war die literarische Kenntnis schon immer grenzüberschreitend, auch epochenüberschreitend, nur dass jetzt die Grenzüberschreitung auf einem Erdball stattfindet, wo es wegen der Kugelform schwerer wird, einen Anfang und ein Ende auszumachen.

Ein literarisches Bewusstsein also, das sich im Klaren ist, dass die eigene Sprachkultur nur eine der Möglichkeiten von Sprachkultur darstellt und dass das Defizitäre dieser Situation nur aufgehoben werden kann dank anderer Sprachkulturen. Ein Bewusstsein, das ein allgemeineres spiegelt, das die eigene conditio humana als eine menschliche Möglichkeit unter und neben andern versteht, das seine Beschränkung und Beschränktheit übersteigend, dank der andern erfährt, was über jeglich Literarisches hinaus alles menschenmöglich ist.

Ob die Geschichte erst beginnt oder einfach weitermacht wie bisher - es sind die Nachkommen, die uns sagen, in was für einer Epoche wir lebten, selbst wenn wir dies erst auf dem Friedhof vernehmen. Ein Lieblingswort hab ich mir behalten: zukunftsgeil. Wer erinnert sich nicht an den Deutsch-Unterricht, dass auf die Klassik die Romantik und dann der Realismus folgte, immer folgte etwas auf etwas, und jedesmal, wenn etwas zu Ende war, kam das Ergänzungs- Kapitel "Ausnahmen" mit den besten Namen, und wenn die Periodisierung nicht aufging, befanden wir uns in einer Übergangszeit, wobei nicht immer ganz klar war, von wo nach wo - ich habe mich in zu vielen Übergängen befunden, als dass mir der jetzige Übergang viel anhaben könnte.

Denn zu diesem Übergang gehört einmal mehr die Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem, auch was die Ungleichzeitigkeit seiner Stile und Ausdrucksweisen betrifft.

Hugo Loetscher (Jg. 1929) ist einer der wichtigsten Schriftsteller der Schweiz. Zuletzt erschien sein Geschichtenband "Der Buckel" bei Diogenes in Zürich.

 


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