Pressetexte zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt

Frankfurter allgemeine Zeitung
01.07.2002
Kafkaeskes Elfmeterschießen - Klagenfurter Lesungen

1. Panorama

Die Haare auf meinem Unterarm, die sich stellen wegen der Kälte, Übernächtigung im Zug ... Klagenfurt ist weit im Süden. Die Reise durch die Alpen wie eine gemächliche Achterbahnfahrt. Vor Lenbach ein Hund, zottig und einsam auf einer Landstraße, hinter dem Ort ein Reh, unbekümmert äsend am Bahndamm. Das inakzeptable Muster eines Idylls.

2. Kulisse I

Sicher ein Urlaubsort, sicher eine Kleinstadt mit See, sicher auch eine Textkulisse, für jemanden wie mich, der Sätze lesen wird, in denen architektonische Archetypen aufeinanderprallen. Hier fast schon geschickt gesetzte Bausünden, eine Betonung der Pittoreske. Die Sonne sagt, Italien sei nicht weit. Keine Zeit für einen Abstecher nach Ljubljana.

3. Halbfinale I

Musilhaus, Bahnhofstraße. Die patinaveredelten Koffer des Exilanten. Die flirrenden Spots der Bildröhre einen Raum weiter. Literatenmünder bewundern die Pässe der Brasilianer. Sehnsucht nach dem geschmeidigen Gelingen der Aktionen. Die Gemeinsamkeit der ästhetischen Programme: der für den Schreibenden beneidenswerte Spannungsbogen, wenn Roberto Carlos zum Freistoß antritt.

4. Kulisse II

Kabel und Lampen, die Klinkerwände im ORF-Sendegebäude. Wir bespiegeln uns selbst in Gesprächen, bis wir es müde sind. Müde der Wortstoffe, die zu häufig umeinander geschnürt zum Ballast werden. Wir flüchten aus der Nähe des Wettbewerbs zurück ins Hotel und schalten sofort auf den TV-Kanal 16, auf dem 3sat die laufende Lesung überträgt.

5. Halbfinale II

Gedankenspiele: Wenn der Wettbewerb ein Turnier wäre. Sich einlesen; jeder gegen jeden, Taktiken und Texte erproben, Punkte sammeln, um das Achtelfinale zu erreichen. Dort aufbauen auf dem Text, der sich als solide erwiesen hat. Jetzt aber die Momente kreativen Wahnsinns bringen, die überraschenden, die tödlichen Sätze. Eine Kombination über drei, vier schnelle Attribuierungen, und dann fulminant abschließen in einer knallharten Metapher. Aber wirklich ist Klagenfurt ein kafkaeskes Elfmeterschießen: Nacheinander geben wir unseren je einzigen Schuss ab; das Tor wird erst hinterher aufgebaut.

6. Loses Defilée zur Bestimmung der Leseplätze

Ein irrwitziges Detail klärt sich im Nachhinein: Auf einem Stapel liegen die Lose im Karton. Rafael Urweider nimmt das unterste Kuvert und hat den letzten Startplatz am Samstag. Ich nehme der Einfachheit halber das oberste Kuvert und habe Platz 1 am Donnerstag. Niemand hatte gemischt.

7. Kamera läuft ... aber du spürst es nicht.

Vielleicht die merkwürdigste Erfahrung: Wie der Mythos seine Erdung erfährt, sobald du Teil des selben bist. Das vergebliche Forschen nach Aufregungspotenzial. Selbst auf dem Podium (eine Lesung ist eine Lesung ist eine Lesung), selbst während Kritik des eigenen Textes. Im nächsten Jahr, vorm Fenseher, wird man es sicher nicht mehr nachvollziehen könne, dass man dort mit Gelassenheit gelesen hat.

8. Küchendunst

Eine Behauptung entgegen stellen! Trittst du aus der Tür, trittst du in einen Autor, Juror, Lektor, Agenten oder Kritiker. Welchen Weg nimmt ein Gerücht? Warum die Autoren, fragt Gerd Scobel im Live-Interview, wie es heißt, nicht miteinander sprächen? Sie sprechen. Die Wettbewerbskorrumpierung blieb aus. Spürbar deutlich: Alle guten Wünsche sind ehrlich („das moralische Gesetz in mir ..."), Vergleiche systemimmanent und dennoch verschämt. Man begegnet der Gelassenheit gegenüber dem eigenen Werk - der ersten Voraussetzung für Solidarität. Wir sitzen alle da oben.

9. „ ... der gestirnte Himmel über uns“

Klagenfurt stellt die Dinge auf den Kopf. Es kommt zu unerwarteten Engführungen der Spannung, wenn die Jury Selbstkritik übt; zusammengekniffene Augen im Zuschauerraum: Jetzt noch einmal ganz genau hinhören. Durch die Fernsehpräsenz erfährt der Wettbewerb eine Doppelung: Nicht mehr nur die Texte werden bewertet, auch die Juroren erhalten Kopfnoten. Nicht die beste Voraussetzung für die idealer Weise voraussetzungslose Textkritik. Zudem: Die Kamera sucht nicht nur Brillanz, sondern auch Fehlleistungen.

10. Glanzpunkte

Wo Polemik unerwidert bleibt, verletzt sie. Steht der Mentor nicht auf, bleibt die Wunde offen. Andererseits: Wo Polemik unerwidert bleibt, ist sie auch nicht mehr steigerbar. Dann also in absehbarer Zeit womöglich zu verwinden. Ein Dilemma, an dem sich unsere Erwartungen aufreiben. So kommt es zur widersinnig unbefriedigten Analyse, die Jury habe sich im Mittelfeld neutralisiert, ohne dass es zu Torschüssen gekommen sei. Im Grunde fürchten wir gerade die Torschüsse.

11. Epiphania

Am Donnerstag dann jener Moment, der die Implosion bringt, auf den der Wettbewerb von Text zu Text störrischer zusteuert. Zwei Juroren äußern sich begeistert, und plötzlich hat man mehr als das Gefühl, hier könne keiner widerstehen. Es ist, als sehe man einer Reihe von Dominosteinen zu, von denen die ersten schon gefallen sind ... ein wunderbarer Augenblick. Zum ersten Mal umspült eine euphorische Welle das Kritikerpodium und das Publikum gleichermaßen, bis alle sieben Juroren den Text gelobt haben. Während Zuschauer das Wort Vorentscheidung murmeln, glänzen ihre Augen.

12. Déjà vu

Wieder scheinen sie zuletzt des Todes überdrüssig, die Jury und die Journalisten, wie die Jahre zuvor. Am Anfang kann gestorben werden, am Ende sollte nicht mehr unbedingt oder zumindest äußerst originell. Dabei ist die Tatsache des Sterben so entsetzlich plump und banal. Und präsent ... Warum sonst schreiben wir?

13. Zwischenräume

Das Summen der unbenutzten PCs in der Vorhalle am Samstagnachmittag. Man kann wieder die Vögel von draußen hören. Leer von Morphemen steht das Sendegebäude. Auf den Bildschirmen, plötzlich zweidimensional anmutend, das unbesetzte Podium, auf dem dieses Jahr keiner mehr lesen wird. Der Tag fasert aus. Noch einmal ist Wörthersee-Wetter. Später spielen die Literaten gegen die Fußballmannschaft des ORF; es gilt, den historischen Sieg von 2001 zu wiederholen, und es gibt Leute, die nur deswegen hier zu sein scheinen.

14. Socialising

Bis zur Preisvergabe noch ein Abend, noch einmal die Anstrengung der Siebenminuten-Gespräche und die Erleichterung, wenn sie sich in längeres Miteinander-Reden verwandeln. Unfassbar: Der Fülle an ausgesetzter Sprache steht bereits jetzt wieder die Sehnsucht nach erschaffener gegenüber. Die Begegnung mit der Welt geschieht wieder mit dem gewohnten Filter des literarischen Denkens ... Textideen, Satzkaskaden, Wortwunschgebäude ... Vorfreude aufs Schreiben gerade im Überdruss; gerade deswegen das Gefühl, sofort etwas Besonderes schreiben zu müssen. Fast möchte man nach Hause fahren. Ich denke an den trottenden Hund, den ich auf der Herfahrt aus dem Zug heraus gesehen habe. Jetzt geradezu ein Wunschbild: aus der Welt heraus zu fallen in ein inakzeptabel deutlich ausgestelltes Idyll.

15. Treppchen

In einem unerwartet schnellen Verfahren die Bestimmung der Preisträger. Jetzt darf das Schreiben wirklich wieder in den Mittelpunkt gestellt werden. Die Fertigstellung des Buches - kurz in den Hintergrund gerückt - ist wieder das Wichtigste. Es ist das Wichtigste. Resümée: Freude gehabt, fast Freunde gefunden. Bestätigt worden. So weiter machen.

 


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