Pressetexte zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt

Süddeutsche Zeitung
01.07.2002
Schiffbruch im Wörter-See

Was als schönster Betriebsausflug der deutschen Literatur gilt, lebt nicht von Texten allein. Zwar wird gerne behauptet, beim Ingeborg- Bachmann-Wettbewerb stünden die Autoren im Mittelpunkt, aber das gilt für die meisten doch nur für die dreißig Minuten, in denen sie ihren Text vortragen. Gleich danach kommt der Auftritt der Jury, und nur nach besonders scharfen Verdikten lauert der Zuschauer auf das Zucken im Gesicht des kritisierten Autors. Der Betrieb aber verlässt dann rasch das Landesstudio des ORF, packt die Badehose ein und radelt in Scharen zum Wörthersee.

Bei den „26. Tagen der deutschsprachigen Literatur“ gab es einige handfeste Beeinträchtigungen: Zum einen zeigte sich das Kärtner Wetter nicht von seiner Sonnenseite. Zum anderen ist das Traditionsrestaurant „Maria Loretto“, auf einem Felsen über dem See gelegen, von Schließung bedroht. Und drittens musste die Fußballmannschaft des deutschen Literaturbetriebs nach ihrem sensationellen Sieg im Vorjahr ein schmerzhaftes 5:6 gegen die hervorragend eingespielte Mannschaft des ORF hinnehmen.

Alle diese außerliterarischen Faktoren waren dem 26. Bachmann- Wettbewerb nicht günstig. Nun ließe sich diese Einbuße an Lebensqualität und Freizeitwert verschmerzen, stünde es nicht so fatal um den angeblichen Mittelpunkt der Veranstaltung: Was in diesem Jahr in Klagenfurt vorgelesen wurde, war in seiner erdrückenden Mehrheit von niederschmetternder Mittelmäßigkeit, garniert durch Ausreißer von unterirdischem Niveau. Verantwortet von einer Jury, deren Argumentationsphlegma, rhetorische Muffeligkeit und Urteilsschwäche die Substanzlosigkeit der meisten Autoren kongenial zum Ausdruck brachte.

Die Formel 1 der Literatur

Das führte zu einer seltsamen Diskrepanz: Wer beim Bachmann- Wettbewerb einen Preis erringt, verfügt über hervorragende Startvoraussetzungen für sein nächstes Buch. Selbst Teilnehmer, die leer ausgehen, finden manchmal Anerkennung und Unterstützer. Weil Klagenfurt als aufmerksamkeitsökonomischer Durchlauferhitzer gut funktioniert, ist die Veranstaltung über die Jahre immer professioneller geworden. Hier kommen die Autoren nicht angeschlichen mit einem zerfledderten Manuskript unter dem Arm, um sich unberaten, aber mutig der Öffentlichkeit zu stellen. Statt dessen werden sie in der Regel begleitet und gestärkt von einem Team erfahrener Literaturvermittler: Lektoren, Agenten, Verleger sind agil an ihrer Seite wie der Rennstall um die Fahrer der Formel 1. Vor den Kameras von 3sat haben sie Interviewtermine, alle Zeitungen und Radiostationen schicken ihre Beobachter.

Das ist der Rahmen. Nur wird er nicht mehr ausgefüllt, und so entsteht eine lächerliche Disproportionalität. Schon im vergangenen Jahr konnten die vier Preise – nun: gerade so noch vergeben werden. Mit den Texten von Michael Lentz, Jenny Erpenbeck und Antje Ravic Strubel wurden zwar würdige Preisträger geehrt; was aber mit diesen antrat, war so ephemer, dass von Wettbewerb nicht wirklich die Rede sein konnte.

Nun ist Klagenfurt aber nicht nur ein Wettlesen von Schriftstellern, sondern in ebenso starkem Maße ein Wettstreit von Literaturkritikern – den Juroren. Während der Autor nach seinem Auftritt oft schnell dem Vergessen anheim fällt, dominieren die Kunstrichter drei Tage lang die Bühne. Ihre Urteilskraft, ihre Geschmackssicherheit stehen dabei heftig zur Diskussion, und wenn es auch keinen Preis für den überzeugendsten Juror gibt, so allemal einen nicht-deklarierten Sieger der Herzen. Man sollte das nicht als einen Triumph des Sekundären über das Primäre schmähen. Literatur kennt nur einen Ort, wo sie ganz bei sich selbst ist: Und das ist die Einsamkeit der Lektüre. Wo sie die Öffentlichkeit sucht, braucht sie Instanzen der Vermittlung, die sie wie ein Megaphon für die große Arena hör- und verstehbar machen. Als ein Schaukampf auch der Literaturkritik könnte Klagenfurt Tendenzen der Literatur bündeln, Typen des Bewertens durchspielen und ausschnitthaft das literarische Leben als Ganzes spiegeln.

Hier aber liegt das Problem: Die Jury hat in diesem Jahr nicht anders als im vergangenen ein erbärmliches Bild abgegeben. Der Wettbewerb aber lebt zweifach von der Jury. Er braucht sie nicht nur für das Vergnügen artistischer Wortwechsel, die Jury selbst lädt die Autoren ein und entscheidet so über die Qualität der Texte. Von Burkhard Spinnen und Dennis Scheck abgesehen, agierten die Juroren glücklos zwischen der Biederkeit ihrer vorbereiteten Statements und der Blindheit ihrer spontanen Meinungsbekundungen. Robert Schindel gestand, in einen Text nicht hereinzukommen (um tags drauf, nach erneuter Lektüre, zu vermelden, jetzt sei er doch drin). Birgit Vanderbeke verzichtete komplett auf Begründungen und las statt dessen „Stellen“ von scheinbarer Selbstevidenz vor. Auf Nachfragen erklärte sie entgeistert: „Das muss man doch hören!“ Während Konstanze Fliedl damit beschäftigt war, steinern Haltung zu bewahren angesichts der Unzulänglichkeit der Autoren, die sie ins Rennen geschickt hatte.

Es ist kein Zufall, dass die ersten zwei Preise in diesem Jahr an Autoren gingen, die Dennis Scheck und Burkhard Spinnen eingeladen hatten: Peter Glaser erhielt den mit 21800 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis für seine „Geschichte von Nichts“, der es in vergnügt-melancholischem Tonfall gelang, Welthaltigkeit und Zeitgenossenschaft auf der einen mit sprachlich- metaphorischer Intelligenz auf der anderen Seite zu verbinden. Annette Pehnt erhielt den Preis der Jury (10000 Euro) für ihre handwerklich gekonnte und sehr komische Erzählung von der „Insel Vierunddreißig“, der Geschichte eines hochbegabten Kindes. Der Ernst-Willner-Preis (8500 Euro) ging an Mirko Bonné für „Auszeit“, ein überraschendes Votum für einen Text, der kaum aus sich selbst heraus überzeugte. Das sprachlich ambitionierteste Projekt stammte von dem als Lyriker bereits reputierten Schweizer Raphael Urweider. Mit seinem Text „Steine“ war man für einmal im Bereich einer Literatur, an der sich echte ästhetische Auseinandersetzungen hätten entzünden können: Was Urweider thematisch dicht und mit großer sprachlicher Imagination zu einem artifiziellen, aber souveränen Text komponierte, war eine Art poetische Erdgeschichte, ein lyrisches Epos von der Genese der Steine, erzählt aus der Perspektive der Tumorerkrankung des Protagonisten. So entstand eine faszinierende Spannung zwischen der Weite der Erdgeschichte und der Kürze menschlichen Lebens. Urweider erhielt den vierten, den 3sat-Preis (7500 Euro). Nun ja.

Depressionen in Klagenfurt

Klagenfurt wirkte, als hätte sich die Krise des Buchmarkts wie Mehltau auf den Wettbewerb gelegt. Ein solcher Wettbewerb führt nur zu Depressionen. Vor zwei Jahren durfte man hier noch einen aufregenden Lesemarathon erleben, aus dem die Sieger Georg Klein, Susanne Riedel, Andreas Maier, Julia Franck und David Wagner hervorgingen. Es geht also. Denn der diesjährige Bachmann-Wettbewerb ist gewiss nicht repräsentativ für die deutsche Literatur. Wenn Klagenfurt nicht eines schleichenden Todes sterben soll, wird es mit einer großen Auswechslung der Jury nicht allein getan sein: Man sollte sich auch von dem lähmenden Länderproporz zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz, der die Auswahl der Juroren, wie die der Autoren folgt, trennen. Man sollte mehr Schriftsteller einladen, die bereits auf ein größeres Werk zurückblicken, denn mit dem Entdecker-Zauber ist es so eine Sache. Und wenn es auch dann nicht zu leidenschaftlicheren Diskussionen kommt, sollte man vielleicht sogar zurückkehren zu jener Form der Spontankritik, wie sie die Anfänge des Wettbewerbs prägten, wo die Juroren bei der Lesung die Texte zum ersten Mal hörten: Damit die Blamage zwischen Autoren und Juroren wenigstens fair verteilt ist. Zu subtileren Interpretationen hat die zweiwöchige Vorbereitung dieser Jury ohnehin nicht geführt.

 


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