Pressetexte zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt

Die Presse
01.07.2002
Literaturtage in Klagenfurt: Zahme Kritiker und brave Autoren

Während die Literatur angebliche und tatsächliche Tode der Kritik feiert, zelebriert die Literaturkritik ihr alljährliches Hochfest bei den 26. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Während im deutschsprachigen Feuilleton die Wogen der Erregung zwischen Autoren und Kritikern hochgehen, blubbert am Wörthersee die gegenseitige Wertschätzung. So hat sich das der totgesagte Marcel Reich-Ranicki vor einem Vierteljahrhundert, als er den Bachmann-Preis mitbegründete, wohl nicht vorgestellt: Zahme Kritiker sitzen mit bemühten Schriftstellern an einem Tisch und versichern einander ihrer Bedeutung.

Mut der Autoren?

Da hilft es auch nicht, wenn der derzeitige Juryvorsitzende Robert Schindel zum Vorwurf des fehlenden Event-Charakter der Veranstaltung meint, es gehöre viel Mut von den Autoren dazu, sich in der Arena des Klagenfurter ORF-Theaters zu präsentieren.

Dieser Mut muß nämlich vor 25 Jahren, als Reich-Ranicki noch sein Richteramt dort ausübte, wesentlich größer gewesen sein. So gibt sich der Bachmann-Preis nach den ersten 25 Jahren bereits ziemlich angegraut. Und das kann auch als Zeichen der Zeit gelesen werden: Während die alten Männer wie Martin Walser immer zorniger werden, gibt sich die Jugend schon früh gesetzt - dafür aber umso selbstbewußter.

Vertrauen in sich selbst kann man nämlich vor allem den jüngeren unter den 16 Schriftstellern, die nach Klagenfurt eingeladen wurden, nicht absprechen.

Vater-Mutter-Kind

Deren Texte kreisen vor allem um sich selbst, um die Eltern, Geschwister und näheren Verwandten. "Vater-Mutter-Kind-Geschichten" nannte das Juror Denis Scheck. Die einstmals fehlenden Väter wurden dabei thematisch abgelöst von den mächtigen Müttern, über die zu sagen, was er leide, ein Gott so manchem Autor Wörter gab. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage macht eben auch vor der Literatur nicht Halt: Je seltener die durchschnittliche Vater-Mutter-Kind-Familie (gegenüber der Patchwork-Family) wird, desto teuer wird sie einem.

Die Ökonomie schlägt sich auch sonst in den Klagenfurter Texten nieder. Diese werden Fruchtjoghurts immer ähnlicher: Immer exotischere Früchte werden in immer abenteuerlicheren Kombinationen präsentiert. Geschmacklich jedoch werden sie einander immer ähnlicher, immer ununterscheidbarer. Fällt ein Text einmal ganz aus dem Rahmen der üblichen Bachmann-Preis-Prosa, wie etwa jener des Schweizers Raphael Urweider, dann fühlt sich die Jury sofort überfordert. Dabei ist gerade dieser Text auf der Höhe der Zeit. Blendet er doch die Welt weitgehend zugunsten innersprachlicher Reflexionen aus.

Kritik - woran auch immer - ist nicht mehr angesagt. Folgerichtig erhielt deshalb der 1974 in Biel geborene Raphael Urweider den mit 7500 Euro dotierten 3sat-Preis. Es ist ein Text, der keine Geschichte mehr erzählt, sondern Sprachmalerei betreibt.

Konträr dazu ist der Text des 1965 in Tegernsee geborenen Autors, Journalisten und Übersetzers Mirko Bonné, der für den Ernst-Willner-Preis 8500 Euro erhält. Darin geht es um ein psychisch krankes Mädchen und welche Auswirkungen die Krankheit auf die Familie hat. Ursachen freilich werden nicht verhandelt.

"Insel-Utopie" von Pehnt

Der mit 10.000 Euro verbundene Preis der Jury ging an die 1967 geborene Kölnerin Annette Pehnt. Die Geschichte mit dem Titel "Insel Vierunddreißig" beschreibt das Drama eines begabten Kindes in einer durchschnittlichen Familie. Die für die "FAZ" tätige Kritikerin und Leiterin von Schreibwerkstätten macht in dieser "Insel-Utopie" (Konstanze Fliedl) die Einsamkeit einer Hochbegabten anschaulich.

"Das Universum ist wie Liz Taylor: Es ist unergründlich und es dehnt sich aus." Für die "ungeheure Kraft, mit der er mit Bildern umgeht" (Thomas Widmer), wurde an seinem 45. Geburtstag der 1957 in Graz geborene Peter Glaser zum dritten österreichischen Bachmann-Preis-Träger. Schon nach der Lektüre dieses Textes mußte der für Theater und Fernsehen schreibende Autor als Favorit gelten. Das Lob für seine "Geschichte einer Leerstelle, die Strukturanalyse einer Trauer" (Robert Schindel) fiel ziemlich einhellig aus.

Zum ersten Mal in diesem Jahr wurde auch ein Publikumspreis vergeben. Die mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung wurde per Internet ermittelt und ging an den 34jährigen Kärntner Christoph W. Bauer.

Grausamkeiten, gestelzt

Offenbar erlag so mancher Zuhörer bei dieser Geschichte einer stagnierenden Ehe einem Wiedererkennungseffekt. Auch wenn das "Setting von gegenseitigen Grausamkeiten" (Thomas "Quicksilver" Widmer) sprachlich zum Teil recht gestelzt daherkam, gefiel dem Publikum wohl die "klaustrophobische Atmosphäre" (Denis Scheck), die Bauer während der Lektüre zu erzeugen vermochte.

Bleibt zu fragen, ob statt des Publikumspreises nicht besser ein Kritikerpreis geschaffen werden sollte, also ein Preis, mit dem der beste Juror ausgezeichnet wird. Allerdings: Wäre ein solcher Preis bereits gestiftet, er könnte heuer mangels an herausragenden Leistungen nicht vergeben werden.

 


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