Pressetexte zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt

Salzburger Nachrichten
01.07.2002
Votum für das Starke

Wie vergleicht man die Mädchenband "No Angels" mit dem Gefangenenchor aus "Nabucco"? Ist Ingeborg Bachmann deshalb gut, weil sie so radikal Spracharbeit leistet, oder ist doch Günter Grass der Vorzug zu geben, weil seine Prosa in jeder Zeile pralle Welthaltigkeit beweist? Darin besteht das Problem der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt, die Jahr für Jahr junge deutsche Literatur zur Diskussion stellt: dass Texte zu beurteilen sind, die auf verschiedenen Niveaus angesiedelt sind.

Die eine erzählt handfest, versteht ihr Handwerk, ist nicht besonders ambitioniert, leistet sich aber keinen Fehler und unterhält gut. Der andere probiert etwas Neues aus, stellt die Sprache auf die Probe, experimentiert, und dabei misslingt ihm das eine oder andere Bild. Wem ist der Vorzug zu geben?

Dazu kommt, dass die Juroren ihren Job rechtfertigen müssen. Deshalb stehen sie unter Beweiszwang, klug zu sein, sie interpretieren Texte und machen diese größer als sie sind. So hat man als Zuhörer das Gefühl, an bedeutenden Entscheidungen teilhaben zu dürfen.

Die Überraschung ergab die Verteilung der Preise am Sonntag. Zum ersten Mal wurde von der Kelag ein Preis gestiftet, dendas Publikum über das Internet bestimmen durfte. Die Befürchtung wurde laut, dass dem Populismus Vorschub geleistet würde. Aber über die 5000 Euro darf sich der Tiroler Christoph W. Bauer freuen, der mit seiner Erzählung "Auf.Stummen" den schwierigsten Text vorlegte, eine intensive Sprachbefragung.

Mit dem Bachmann-Preis (21.800 Euro) wurde der in Berlin lebende Österreicher Peter Glaser für seine "Geschichte von Nichts" ausgezeichnet. Im Gespräch über seinen Text wurde er mit dem Vorwurf konfrontiert, dass die aneinandergereihten Fragmente eine innere Logik vermissen ließen, dass statt einer geschlossenen Einheit Zerstreuung und Vielfalt zum Prinzip erhoben worden sei. Denis Scheck, der Glaser nach Klagenfurt eingeladen hatte, sah in dieser Methode abgebildet, wie menschliches Bewusstsein funktioniert, und bekam am Ende Recht.

Zu den Favoriten zählte Annette Pehnt, die den Preis der Jury (10.000 Euro) zugesprochen bekam für den Text "Insel Vierunddrei-ßig", "der voller Klugheit und Klarheit mit großer Leidenschaft und kontrollierter Sprache von der Einsamkeit und dem Erwachsenwerden" (Konstanze Fliedl) erzähle.

Für den Deutschen Mirko Bonne` gab es den Ernst-Willner-Preis (8500 Euro), der 3Sat-Preis (7500 Euro) ging an den Schweizer Raphael Urweider, der das Pech hatte, mit einem Text, der nicht in gängige Kategorien passt, vor die Jury zu treten. Bonne` entwickelt das Drama zweier Menschen behutsam und unablässig, bei Urweider entsteht die Bewegung des Textes nicht aus der Handlung, sondern aus der fortschreitenden Veränderung der Wahrnehmung toter Dinge.

ANTON THUSWALDNER


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