Pressetexte zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt

Kleine Zeitung
29.06. 2002
Von der Erzähllust bis zum Verstummen

Nach einem lauen Auftakt mit zum Teil recht dünn eingekochter Buchstabensuppe und damit höchst unzufriedenen Juroren (Birgit Vanderbeke soll laut bereut haben, angereist zu sein), wurde am zweiten Tag des Wettlesens am Wörthersee dann doch recht schmackhafte literarische Kost serviert. Und ausgerechnet der erste und der letzte Beitrag fanden die meiste Juroren-Zustimmung. Womit sich auch zwei Favoriten für den mit 21.000 Euro dotierten Bachmann-Preis herauskristallisiert haben.
Der eine ist ein gebürtiger Grazer, der in Berlin lebt. Peter Glasers "Geschichte von Nichts" folgt einem Ich-Erzähler über zwei Kontinente, durch zwei Kulturen und beeindruckt durch einen ungeheuren Handlungsreichtum. Unter anderem - und das motivierte Constanze Fliedl zur Bemerkung "Heuer ist das Jahr des Verwandten-Sterbens in Klagenfurt" - wird vom Tod einer Tante berichtet. Thomas Widmer schwärmte von den "ungeheuer einleuchtenden, faszinierenden Bildern". Birgit Vanderbeke sah im Text eine gelungene Parodie auf die Globalisierung. Für Burkhart Spinnen ist es einer der ersten geglückten Versuche, sich dem 11. September auf "vielleicht angemessene Weise zu nähern" und Denis Scheck fand den von ihm vorgeschlagenen Text schlicht "sensationell". Einwände kamen von Pia Reinacher, die eine mangelnde Erzählstrategie beklagte.


Einhellig

. Völlig einhellige Zustimmung dagegen gab es für den Text der 34-jährigen deutschen Autorin Annette Pehnt. Ihre Erzählung "Insel Vierunddreißig" ist die geschickt gebaute Geschichte eines hoch begabten Kindes, dessen Fantasien sich um eine Insel drehen und gleichzeitig die Studie eines Vater-Tochter-Verhältnisses. Für Burkhart Spinnen ein "gelungenes Beispiel, sprachlich in eine Kindheit zurückzugehen". Constanze Fliedl zeigte sich "bewegt", Thomas Widmer "außerordentlich" beeindruckt und die Autorin selbst meinte nach der Lesung erfreut: "Die Juroren schienen im Text das zu sehen, was ich sagen wollte."

Als "heimlicher" Favorit wurde im eifrig besuchten Café des ORF-Theaters, wo sich Kritiker, Journalisten und Publikum die Klinke in die Hand geben, aber ein anderer gehandelt - und da kam wohl auch so etwas wie Lokalpatriotismus durch: Der Kärntner Christoph W. Bauer las aus dem Text "Auf.Stummen". Diese "Szenen einer Ehe" hatten zwar auf Denis Scheck die "Wirkung einer Tunnelfahrt, wo man nicht weiß, ob am Ende doch noch Licht kommt", Constanze Fliedl aber fand den Text "berührend" und Pia Reinacher lobte die "große Musikalität der Sprache".


Getier

. Daniel Zahnos "Deauville" führte zu einer Diskussion über Hummer und anderes Getier. Seine Geschichte einer Trennung wurde aufgrund des übertriebenen Pathos abgelehnt und Burkhart Spinnen meinte zum als misslungen empfundenen Vortrag: "Es klang, als könnte jemand ein selbstgeschriebenes Klavierstück nicht spielen." Der zweite Schweizer Teilnehmer des gestrigen Lese-Reigens, Roger Monnerat, las Auszüge aus "Der Sänger". Pia Reinacher fand den Text "weder gut noch schlecht". Abwarten und den im Herbst erscheinenden Roman lesen, schien allgemein die Devise zu sein.

Der sechste im Bunde war Norbert Zähringer, und sein Auszug aus einer längeren Erzählung entlockte Robert Schindel das Geständnis, "nicht in den Text zu kommen". Constanze Fliedl dagegen fand die Geschichte "sehr schön erzählt", Birgit Vanderbeke gefiel die "Erzähllust" des Autors.

Heute geht es um 9 Uhr im ORF-Theater weiter, 3sat überträgt wieder live. Die vier letzten Teilnehmer lassen einen spannenden Vormittag erwarten: Den Anfang macht die gebürtige Steirerin Elfriede Kern, außerdem lesen die Kärntnerin Helga Glantschnig sowie Melanie Arns und Raphael Urweider. Auf dass die Buchstabensuppe wieder ordentlich dick eingekocht werden soll.

VON MARIANNE FISCHER


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