Pressetexte zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt

Kleine Zeitung
26.06.2002
Wenn das Jodeln dem Deutsch im Weg steht

Hugo Loetscher, Kritiker und Autor, eröffnete gestern mit seiner "Rede zur Literatur" den 26. Bachmann-Reigen. Wir bringen einen Auszug.

Falls die bisherige Geschichte Lokal- oder Regionalgeschichte war, hat dies auch unweigerlich Konsequenzen für die nationalen Literaturgeschichten. Das erfährt schon das Material der Literatur, die Sprache. Das bestätigt die jüngere Einsicht, dass Deutsch eine plurizentrische Sprache ist, eine Einsicht, die wir nicht zuletzt ausländischen Germanisten verdanken, eine Erkenntnis, die ein Schweizer begrüßen mag, der nicht ohne gut- nachbarlichen Neid feststellt, wie österreichische Kollegen unbekümmert mit Austriazismen umgehen und dafür von der bundesrepublikanischen Kritik als Sprachschöpfer gelobt werden, während der Helveter mit seinen Helvetismen sich dem alpinen Verdacht ausgesetzt sieht, dass seinem Deutsch das Jodeln im Weg steht. Wenn der Österreicher den "Obers mit der Schwingrute" schlägt, warum soll der Schweizer, der Milchwirtschaft nicht minder kundig, nicht den "Rahm mit dem Schwingbesen" schlagen.

Kreolismen. Nun macht aber nicht nur das Deutsche einen solchen linguistischen Differenzierungs-Prozess durch. Es teilt seine Erfahrung mit andern Sprachen: das Englische hat es in Abgrenzung zum Amerikanischen längst vorgemacht. Das Französische kann seine Frankophonie nur verteidigen, indem es Kreolismen aus den Antillen akzeptiert und in seine Wörterbücher Regionalismen aufnimmt wie seit hundert Jahren nicht. Die Academia Real in Madrid kann angesichts von über zwanzig lateinamerikanischen Literaturen nicht mehr auf einem absolut korrekten Spanisch beharren. Das Portugiesische bereichert sich über Fernseh-Novelas brasilianisch. Prozesse, die verstärkt werden, so weit die gesprochene Sprache zunehmend in die geschriebene eindringt, vorab in die literarische, nicht dialektal, sondern umgangssprachlich, als colloquial. Standardsprachen vom Nicht-Standardisiertem durchsetzt, um ihr vermehrt Authentizität abzugewinnen. Wir alle werden einen nice accent haben.

Es ist, als ob sich die Sprachen auf ihre Eigenheiten besinnen, herausgefordert durch die Tatsache, dass eine globalisierte Welt nicht ohne eine Vehikelsprache auskommen wird, wie angelsächsisch dieses Latein auch immer sein wird. Ein dialektischer Prozess zwischen unumgänglicher Angleichung und Selbstbehauptung, ein Konflikt, der in allen Bereichen spielt, in politischen und wirtschaftlichen wie kulturellen - ein Prozess, der sich in der deutschsprachigen Literatur zum Beispiel mit dem illustrieren ließe, was sich, wieder erwacht, als Heimat-Roman zu Wort und Lektüre meldet - mit allen Gefahren des Manierismus dort, wo das Besondere sich als besonderer Sprachstil manifestieren soll, nichts verführt so leicht zur Manier wie die gesuchte Einfachheit. Einer, der im Seitental am Nebenfluss aufwächst, hat Heimat, einer wie ich aber, der seine Kindheit in einem städtischen Arbeiterviertel verbrachte, ist literarisch heimatlos.

Die Erkenntnis, dass die eigene Literatur nur eine neben andern ist, ist alles andere als neu, neu aber ist die Konsequenz, wonach Hierarchien und Prioritäten hinfällig werden. Im intellektuellen Bereich wird nachvollzogen, womit sich die Politik (mit allen Spannungen und Widersprüchen) konfrontiert sieht: dass die Trennung von Zentrum und Rand an Bedeutung verliert oder gar aufgehoben wird, - in einem solchen Weltbild ist die Vormachtstellung von einer zentralen Weltmacht zusehends prähistorisch.


Revision. Eine Neusituierung der eigenen Literatur kann nicht ohne die Überprüfung eben dieser eigenen Literatur vollzogen werden - das kann schon dadurch geschehen, dass Kurt Schlaffer eine "Kurze Geschichte der deutschen Literatur" verfasst. Die dritte Variante und der vierte Aufguss bleiben auf der Strecke. Der Abstand zwischen Germanistik und literarischem Lesepublikum wird noch um einiges breiter als bisher. Die Revision geht nicht ohne harte Durchsicht des Eigenen, um Platz für das Andere zu gewinnen. Was sich für die eigene Literatur aufdrängt, gilt nicht minder für die andern Literaturen - es muss nicht nur auf deutsch gekürzt werden.

Dadurch muss sich auch eine Wissenschaft wie die Komparatistik herausgefordert fühlen, sich nicht länger zufrieden geben im traditionellen Aufspüren gleicher oder ähnlicher Motive: der Vergleich des Ehebruchs von Effi Briest mit dem von Madame Bovary, neben dem deutschen und französischen Ehebruch der russische bei Tolstoi und der portugiesische bei Queiroz, Ausschau haltend nach Ehe, die auf kirgisisch oder in Suaheli zu gebrochen worden sind - mit der Prähistorie unserer Literaturen werden sich die Listen unserer Erfahrung als unvollständig erweisen. Ingeborg Bachmann könnte die möglichen Todesarten um einige ergänzen, wobei man sich fragen kann, ob Todesarten nicht ein politisches "work in progress" ist.

Von Uschi Loigge


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