Pressetexte zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt

Aargauer Zeitung
29.06.2002
Bachmann-Preis Bescheidenes Niveau - auch bei Kritik

Keine Frage, der Text hat es nicht anders verdient. Dennoch regte sich beim Zusehen, wie der Wahlzürcher Lukas Bärfuss, 31, unter der vernichtenden Kritik für seinen Wettbewerbsbeitrag «Die toten Männer» immer kleiner und elender wurde, ein zunächst unbestimmtes Ungerechtigkeitsempfinden. Und, wie immer, wenn in Klagenfurt Autorenköpfe rollen, zudem etwas Scham für den ortsüblichen Voyeurismus.

«Schlampig geschrieben», «sterbenslangweilig» und «unverständlich» sei der Auszug aus Bärfuss´ neuer, im Juli bei Suhrkamp erscheinender Novelle, lautete das Podiumsurteil. Einzig der Wiener Schriftsteller und Juryvorsitzende Robert Schindel relativierte: «Vermutlich ist einfach der Ausschnitt schlecht gewählt.» Dafür ist nun allerdings nicht alleine der Verfasser, sondern auch der Juror, welcher ihn eingeladen hat, verantwortlich.
Der heisst in diesem Fall Thomas Widmer, ist «Kulturreporter» bei «Facts» und die wohl eklatanteste Fehlbesetzung einer intellektuell wie rhetorisch generell unterdotierten Jury. Scharfkantige Analysen und geistreiche Aperçus lieferten am ersten Tag des Wettlesens jedenfalls nur der zumeist anwaltschaftlich argumentierende Schindel, der deutsche Essayist Burkhard Spinnen und gelegentlich noch Denis Scheck, der - neben der bis zur Unkenntlichkeit blassen Ex-Zürcher «Tagesanzeiger»-Literaturchefin Pia Reinacher - einzige professionelle Literaturkritiker des siebenköpfigen Gremiums. Unter dieser Uninspiriertheit litten nebst den zahlreichen Schaulustigen im Kärtner ORF-Theater vor allem die um ein Preisgeld von insgesamt immerhin 50 000 Euro kämpfenden Autorinnen und Autoren. Kein Wunder, beklagten sich manche im Nachhinein (und hinter vorgehaltener Hand, schliesslich will man sichs mit den Preisrichtern nicht verderben) über «die mangelnde Sorgfaltspflicht» ihrer Geschmacksrichter.
Schlecht begründet waren sie tatsächlich, die Verdikte über grösstenteils allerdings kreuzbrave Texte, deren kleinster gemeinsamer Nenner laut Scheck in ihrer «erzählerischen Risikovermeidungsstrategie» bestand. Und zudem ziemlich übellaunig.
Der erste, eine textuelle Fotomontage von Jörg Matheis, war «zu offensichtlich konstruiert», der zweite, eine Kindheitserinnerung der Berlinerin Nina Jäckle, erfüllte gar den Tatbestand eines «klischeetriefenden Schüleraufsatzes» (Spinnen). Da kam Markus Ramseier, der zweite Schweizer Schriftsteller des ersten Tages beziehungsweise dessen Stakkato-Prosa «Steinzeit» mit dem Prädikat «prätentiöses Wortgeklimper» noch vergleichsweise glimpflich davon.
Klarer Etappensieger aber wurde der Hamburger Übersetzer und Lyriker Mirko Bonné, 37, der seit einigen Jahren auch Prosa schreibt. Und zwar eine an Subtilität und Präzision kaum zu überbietende. Seine «Auszeit» betitelte Erzählung urbaner Einsamkeit und geschwisterlicher Symbiotik erntete denn auch zu Recht einiges, zum Teil gar euphorisches Lob. Von Juroren notabene, die selber weniger als keinen Anlass für Begeisterungsausbrüche gaben.

 


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