Norbert Müller

Norbert Müller las eine Auszug aus seinem Roman "Lustig in die Welt hinein", die Geschichte eines Schriftstellers, die von der Banalität und den Schwierigkeiten des Alltags und dem hehren Anspruchs des Autors erzählt. Der Stoff für die Geschichten findet der Protagonist im eigenen, wie im Leben der Nachbarn und Freunde in Hülle und Fülle, doch so mancher, der zur literarischen Figur geworden ist, ist davon nicht unbedingt angetan.

Denis Scheck fand es sei schwer bei einer Betriebssatire zu urteilen, weil diese einem die Werkzeuge aus der Hand schlage. Er habe an den armen Donald Duck gedacht, dieser mache sich auch immer Sorgen um den reichen Onkel Dagobert. Der Held hier sei ebenfalls ein permanenter Sorgengenerator, seine Sorgen sind oft reale Sorgen wie die vom tödlichen Autounfall, und immer stark mit Leben und Tod verbunden. Der Text befreie einen aber aus der Todesangst .

Elisabeth Bronfen hatte an Schnitzlers "Fräulein Else" gedacht. Hier habe man ein Beispiel männlicher Hysterie. Um das Missverständnis und wie das alles erzählt wird, ergebe sich auch die Assoziation zu Else. Der Held kann nicht schreiben und nicht lesen, alles läuft über Tagfantasien voller Lust am Scheitern. Alles könnte schief gehen. Ausgezeichnet urteilte Bronfen.

Thomas Widmer verglich den Text mit einer Reise ins Herz der Hysterie. Es sei von den bisher gehörten Texten, der mit dem spürbarsten Sound. Von "Pulp Fiction" über Männergespräche und wie Hamburger in Paris heißen, sei alles drin. Am Schluss bleibt Gefühl wie bei Fahrt auf Geisterbahn, man hat sich ein bisschen gegruselt.

Robert Schindel meinte, es stimme alles, was gesagt worden sei, aber er müsse einwenden, der Text lebe zu stark von der Situationskomik. Diese verschlafenen, verängstigten Schriftsteller oder Schriftstellerklischees mit der Heirat in eine reiche Familie habe etwas holzschnittartiges. Das werde zwar vom Sound gerettet, aber er hat keine Schreiblockade sondern er leidet an Schreibüberfluss. Alles habe immer etwas Lustiges, Komisches und Groteskes, aber auch Ärgerliches, weil alles erklärt wird und damit bleibt es beliebig und eine gewisse Leere. Doch gemacht sei der Text grandios.

Der Text hat Speed, widersprach Birgit Vanderbeke. Sie hatte Norbert Müller vorgeschlagen. Der Text sei auch bei mehrmaligen Lesen voller Komik und Speed. Es gehe hier um Schreiben und nicht Schreiben oder doch Wegwerfen, das sei entscheidend und nicht, ob Erzähler sich von Donald Duck entferne oder nicht. Im Verweis auf Kafka, führte sie aus, dass auch dieser befürchtet habe, sein Schreiben würde leiden, wenn er eine geregelte Ehe führen würde, ähnlich wie der Held hier. Die Geschichte sei wunderbar erzählt und voller Komik, fügte sie hinzu.

Konstanze Fliedl fand die Satire sehr geglückt, die Teile aus dem Literaturbetrieb sehr gut gemacht. Der Verweis auf Kafka lege die Latte sehr hoch, sie wolle allerdings wissen welche Rolle als Schriftsteller der Protagonist wirklich spiele. Diese Erklärung gebe der Text aber nicht. Sie ergänzte noch, ihr sei das Scheitern der Figur auf allen Ebenen klar, nur frage sie sich, warum dann dieser Aufwand?

Der Erzähler ist auf jeden Fall ein Maniac, ein von seinen Sorgen Besessener, antworte Birgit Vanderbeke.

Burkhard Spinnen fällte dann ein völlig gegensätzliches Urteil. Er habe sich amüsiert und gelacht. Alles sei gut gemacht, aber der Text erreiche sein Ziel nicht, weil er aus seinen Voraussetzungen herausfalle. Über gute Witz könne man kann mehrfach lachen, aber der Text bleibe ein Holzschnitt, vielleicht ein schneller Holzschnitt. Es gebe in dem Text die verschiedensten Schattierungen, die habe er oft schon gelesen, aber denen werde nichts Neues hinzugefügt. Gut gemacht, aber nichts Neues. Wir sind doch alle Außenseiter in unsrer Gesellschaft, so Spinnen weiter, deshalb glaube er auch nicht an die machbare Existenz von Außenseitern in der Literatur. Die Position sei zwar reizend und entzückend, aber schlussendlich altfränkisch und sie verhülle, wie dreckig es dem Autor in geht. Der Verweis auf Kafka sei eine Schwäche des Textes, weil dieser nicht eingelöst werde. Vielleicht sollte man die Figur eher mit Woody Allen vergleichen. Und wenn schon Woody Allen der amerikanische Kafka ist, dann ist er doch ein "Kafka light".

Elisabeth Bronfen meinte daraufhin, der schillernde Punkt wäre, dass es ein schlechter Schriftsteller sei, der banale Geschichten schreibt. Der Text sei für sie eine Inszenierung eines möchtegern Außenseiters, der aber in Wirklichkeit genau so bieder wie die anderen ist. Der Verweis auf Kafka müsse ja nicht heißen, dass es ein kafkaesker Text sein müsse und erst der Verweis mache das Unglück des Erzählers offensichtlich und auch gleichzeitig so komisch. Die Geschichte werde slapstickartig und grotesk erzählt.

Er komme allmählich drauf, warum der Text nicht funktioniere, erklärte Robert Schindel in einer weitere Wortmeldung. Der Text habe ihn literarisch und von der Neugierde her frustriert, denn da würden Figuren, wie die Frau aus dem Schwarzwald eingeführt und dann erfahre man nichts über sie. Dietuation trage aber dazu bei, dass bei aller Komik und Furiosität bei dieser Bernhardschaukel eine gewisse emotionale Leere überbleibe.

Der Mann habe die seelische Struktur eines Hypochonders. Der Text ist pures Entertainment. Es ist nur die Frage, findet man das verwerflich, erklärte dann Thomas Widmer. Man könne sich zurücklehnen, werde durch das Schicksal des Helden geführt.

Denis Scheck betonte noch, die Jury habe hier nicht unter Niveau gelacht und das sei die Qualität des Textes.

Birgit Vanderbeke erklärte, man interessiere sich für das Scheitern des Autors, weil der Autor hier am Tisch das so spannend und gut gemacht vorführt. Wie das allerdings zu Literatursatire allgemein stehe, fragte daraufhin Konstanze Fliedl.

Er sei doch selber Autor, meinte nun Burkhard Spinnen, er könne deshalb seinen Anspruch an die Satirisierung seiner Existenz durchaus anmelden. Diese Satirisierung werde hier nicht durchgehalten. Der Literaturbetrieb, die Schreibschwierigkeiten, das sind wunderbare Fiktionen von ganz altmodischer Vorstellung, er glaube aber nicht, dass das noch auf die Gegenwart zutreffe. Damit sei der Text eine wunderbare Geschichte aus dem 19 Jahrhunert. Er sehe nur eine Abfolge von Holzschnitten, es stehe sogar noch hinter Donald Duck zurück. In der langen Reihe der satirischen Texte stelle dieser nichts Neues und ihn Bewegendes vor.

Zum Abschluss der Diskussion wies Birgit Vanderbeke noch einmal mit Nchdruck daruf hin, dass man die Momente der realen Panik in dem Text und dass diese Panik auch real existiert, nicht unterschlagen dürfe.

Alle Fotos: ORF Kärnten


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