Die Südostschweiz
23. Juni 2001
Die Südostschweiz (23. Juni 2001)
Eine literarische «amour fou»
Am Montag wäre die österreichische
Autorin Ingeborg Bachmann 75 Jahre alt geworden. Bachmann, deren
stürmisch-destruktive Beziehung zu Max Frisch immer wieder
Anlass zu Spekulationen gab, starb am 17. Oktober 1973 in Rom.
VON IRENE WIDMER
sda.- «Du sollst nicht immer über
Frauen schreiben, denn du verstehst sie nicht», soll Max Frischs
Mutter einmal zum 55-jährigen Sohn gesagt haben. Ingeborg Bachmann,
die 1958 bis 1963 mit Frisch zusammen war, hätte es wohl noch
drastischer ausgedrückt. In der Figur der Lila in Frischs «Mein
Name sei Gantenbein» sah sie sich voll Zorn «als Studienobjekt
missbraucht».
Max Frisch und Ingeborg Bachmann lernten sich am 3. Juli 1958 kennen.
Beide waren auf einem vorläufigen Höhepunkt ihrer Karriere.
Frisch hatte «Stiller» und «Homo Faber»
veröffentlicht. Bachmann hatte 1953 für den Gedichtband
«Die gestundete Zeit» den Preis der Gruppe 47 bekommen
und 1956 den zweiten Band «Anrufung des grossen Bären»
erfolgreich präsentiert.
Kennen lernen in Paris: Bachmann hatte ihre grosse Liebe Paul Celan
besucht, Frisch war zum Zürcher Gastspiel von «Biedermann
und die Brandstifter» angereist. Statt ins Theater zu gehen
blieben die beiden im Café Châtelet sitzen und verbrachten
die Nacht zusammen bis zum Morgenkaffee in Les Halles. Frisch hat
die Szene in «Gantenbein» nachgezeichnet, Bachmann in
«Malina».
Frisch machte ihr einen Antrag
Die beiden zogen in Uetikon (Zürich) zusammen und mieteten
ab 1960 eine gemeinsame Wohnung in Rom. Frisch liess sich von seiner
Frau scheiden und machte Bachmann einen Antrag. Sie lehnte ab und
liess sich die Freiheit nicht nehmen, weiterhin auch intim mit Schriftsteller-Freunden
wie Celan und Hans Magnus Enzensberger zu verkehren.
Die Beziehung war chaotisch: Bachmann war von Alkohol- und Medikamentensucht
bedroht, sinnlich, leidenschaftlich, kompromisslos und promiskuitiv.
Frisch dagegen war ein ordentlicher, fleissiger Schreibhandwerker
mit bürgerlicher Sexualmoral und exzessiver Eifersucht.
Beide lasen heimlich des anderen privaten Aufzeichnungen, Bachmann
verbrannte schon mal ein Tagebuch des Partners, wenn sie das Geschriebene
wütend machte. «Ihre Freiheit gehört zu ihrem Glanz.
Die Eifersucht ist der Preis von meiner Seite; ich bezahle ihn voll»,
schrieb Frisch.
Nach knapp fünf Jahren waren die Risse nicht mehr zu kitten.
Frisch lernte Marianne Oeller kennen, die er 1968 heiratete. «Das
Ende haben wir nicht gut bestanden, beide nicht», notierte
Frisch.
Psychische Zerrüttung
Ingeborg Bachmanns zunehmende psychische Zerrüttung nach der
Trennung von Frisch und ihr grausamer Feuertod durch Rauchen im
Bett liess bis heute die Legende gedeihen, Frisch sei so ein Machotyp
gewesen, wie er ihn in seinen Büchern beschrieb - «Mein
Laster: Male Chauvinism» (Montauk).
Zwar haben beide literarisch übereinander geschrieben - Bachmann
in «Malina» und «Der Fall Franza», Frisch
in «Gantenbein» und «Montauk» - doch ist
das nicht die Wirklichkeit. Wie die Beziehung war, wird man wohl
frühestens im Jahr 2011 erfahren, wenn der Brief- wechsel zwischen
den beiden entsiegelt wird.
So destruktiv, wie es immer heisst, dürfte diese Liebe trotz
allem nicht gewesen sein, meint Frisch-Biograf Urs Bircher. Beide
Partner hätten während und nach ihrer Beziehung zu neuem
Ausdruck gefunden: Bachmann verfasste mit «Malina» ihren
ersten Roman, und auch Frisch erprobte einen neuen Prosastil.
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