Bachmannpreis ORF.at Texte
FR | 11.02 | 15:51
Melinda Nadj Abonji (Bild: ORF - Johannes Puch)
Melinda Nadj Abonji
Im Schaufenster im Frühling

(Textausschnitt aus dem Roman)
In Herrn Zambonis Schaufenster hing das Bild von Antonella und Luisa. Luisa war stolz, auch wenn sie traurig war. Der Polizist aber wollte nicht, dass das Bild im Schaufenster hing, was denken Sie sich eigentlich, schrie er zu Herrn Zamboni. Es ist ein Bild wie jedes andere auch, sagte Herr Zamboni und der Polizist war wütend. Wollen Sie, dass ich Sie fotografiere, fragte Herr Zamboni und der Polizist liess sich die Haare nicht mehr bei ihm schneiden. Wenn Luisa Herrn Zamboni besuchte, fragte sie, ob der Polizist da sei, und immer antwortete Herr Zamboni, nein.

Luisa dachte, jetzt bin ich ohne Antonella, und alles kam ihr schwierig vor. In der Schule lernte Luisa. Zu Hause antwortete Luisa. Sie grüsste, wenn sie gegrüsst wurde. Aber Luisa schwieg oft. Irgendwann wusste sie, dass es die anderen reizte. Immer meinten alle, sie wüsste es besser, weil sie schwieg. Luisa wusste es nicht besser. Antonella war weg, ganz einfach.

Jahre später wartete Luisa auf den Bus in Wien. Es schneite und der Bus kam nicht. Ein Mann zupfte an Luisas Arm und zeigte auf eine Flasche. Er streckte die Flasche von sich, kippte sie und die Flüssigkeit brannte Löcher in den Schnee. Er kniff ein Auge zu und fragte, was meinst du, was ist die Flasche jetzt wert? Luisa zuckte zusammen, weil sein Kopf so wackelte, als würde er im nächsten Moment runterfallen, da rief er schon, gar nichts, klemmte die Flasche unter den Arm und ging. Luisa blickte auf die Löcher im gefärbten Schnee und erinnerte sich durch diesen Vorfall an vieles, was sie inzwischen vergessen hatte. So ist das mit den Erinnerungen, sagt Frau Sunder, Luisas Nachbarin, sie überfallen einen und man weiss nicht wieso.

Ein Frühlingstag.

Der Abwart der Schule erklärte Luisa etwas. Er sprach laut und hob den Finger. Er sagte, hast du verstanden? Luisa sagte nichts. Er schrie sie an und sein Kopf kam näher. Hast du verstanden, schrie er. Luisa sagte nichts. Sie sah ihn und seine Haare auf dem Handrücken. Aus seinem Kittel holte er einen Schlüssel. Einsperren sollte man dich, und der Abwart drehte den Schlüssel in die Luft. Luisa fiel die Geschichte von Rapunzel ein. Herr Zamboni hatte ihr die Haare geschnitten, bis zu den Ohren, so hatte Luisa es gewünscht. Hat es dir die Sprache verschlagen, schrie der Abwart und Luisa konnte sich nichts darunter vorstellen. Sie machte keinen Wank. Der Abwart verfärbte sich bis zu den Ohren und verschwand im Lehrerzimmer.

Zu Hause schlug der Vater Luisa ins Gesicht, Luisa hielt still. Der Zehnerstab war orange. Sag etwas, schrie der Vater. Der Siebnerstab schwarz. Ich werde es dir zeigen, der Vater hatte eine dicke Ader am Hals. Der Zweierstab rot. Der Vater schrie bis in die Ecke des Zimmers und Luisa sagte, ja. Na also, und der Vater schwitzte. Teppiche sind gemustert. Der Vater wollte wissen, was mit dem Abwart war. Zimmer haben Betten. Fenster können geschlossen sein und das Einerklötzchen war weiss. Luisa zählte. Wirst du wohl reden, schrie der Vater, aber Luisa sagte nichts.

Felix hatte die Banane aus Luisas Hand gekickt. Der Abwart sah die Banane im Dreck liegen und Felix war verschwunden. Mit Esswaren spielt man nicht, sagte der Abwart. Luisa sah die angebissene Stelle, die weiss war und jetzt schmutzig. Der Abwart nahm Luisa mit auf die Toilette, aber Luisa durfte die Banane nicht waschen. Du wirst sie essen, wie sie ist, sagte der Abwart. Dann erklärte er Luisa, was richtig ist und was falsch. Luisa schwieg und starrte ihm ins Gesicht. Es war ein warmer Frühlingstag, am Morgen hatte Luisa einen Schmetterling gesehen.

Ein Tag.

Luisas Eltern arbeiteten und Luisa war im Keller. Sie spielte. Sie sammelte Papierfetzen, ordnete sie nach Farben und legte sie unter den Schrank, wo die Winterkleider waren. Luisa stieg in die Schleuder. Vorher zog sie die Kleider aus und legte sie zu sich. Luisa kauerte nieder. Die Löcher im Tumbler machten sie schwindlig. Der Tumbler war rund wie Herr Zambonis Haartrockner.

Auf dem Dachboden entdeckte Luisa eine Truhe, darin waren Spielsachen und ein Buch. Durch die weite Welt, so hiess es, und auf dem Umschlag segelte ein Schiff im Wind. Oft trug Luisa das Buch in den Keller und wieder hinauf. Dann schaute sie die Bilder an. Sie lernte, die Tiere hinterlassen Spuren. Luisa malte Flecken auf ein Papier. Die Zeichnungen verteilte sie auf dem Dachboden und küsste dann das Buch.

Mit einem Stecken angelte sie unter den Holzlatten durch, in fremde Dachbodenabteile. Luisa wollte sehen, was unter den Tüchern versteckt war. Meistens waren es Schränke. Und dann entdeckte sie ein Bild mit einer grossen Frau. Ihr Kleid war weiss und lang. Oben war das Kleid verrutscht und die Frau schaute nach hinten, zu den Bäumen. Luisa freute sich über das Bild, sie war aufgeregt. Wie damals, als sie in Bernhards Zimmer war.

Bernhard Tobler hatte seine Hose ausgezogen. Luisa konnte nicht anders als hinschauen. Bernhard sagte, er habe das im Film gesehen. Er legte seine Hände auf den Kopf und starrte Luisa an, du hast einen Mund wie Himbeereis, flüsterte Bernhard und Luisa bebte. Dann sagte Bernhard, zieh deine Hose aus. Luisa tat es. Auch sie legte die Hände auf den Kopf. Lange standen sie da und Bernhard sagte, komm nächsten Mittwoch wieder.

Luisas Absätze klapperten auf dem Holzboden und Bernhard hatte keinen Vater. Bernhards Roboter standen alle in einer Reihe. Sie können uns sehen, sagte Bernhard, Luisa zuckte zusammen. Wie meinst du das, fragte Luisa. Sie sehen uns, wie ich dich sehe, und Bernhard nickte mit dem Kopf. Luisa bat, er solle die Roboter zudecken. Aber Bernhard sagte, sie sind unsere Freunde, sie verraten nichts, und Luisa glaubte es. Bernhard zog seinen Pullover aus und Luisa flüsterte, du hast schöne Knöpfe. Luisa zitterte. Sie hatte ihre Filzstifte mitgebracht, zwanzig, rief Luisa. Bernhard malte seinen Lieblingsroboter auf Luisas Bauch. Luisa malte Streifen auf Bernhards Rücken.

Der Dachboden war staubig und hatte ein kleines Fenster. Luisa legte sich unters Fenster, verrieb den Speichel auf dem Bauch und malte. Sie dachte an Bernhards geringelte Socken und an Bernhards Mutter. Sie hatte eine hohe Frisur, an jedem Finger einen Ring und keinen Mann. Dann aber sagte Bernhard, ich habe einen neuen Vater und er hat weisse Haare. Und Bernhard war nicht mehr lange da. Und Antonella war im Erziehungsheim, sie hatte ihre Wohnung angezündet. Mit der Mutter, dem Vater und dem Auto fuhr Bernhard in ein Dorf am Stadtrand. Er schenkte Luisa zum Abschied einen Roboter. Er heisst Phantom, sagte Bernhard leise. Und Luisa schrieb einen richtigen Brief, lieber Bernie. Sie legte den Brief unters Kopfkissen.

Kriegsfilme kann man sich nicht bei normaler Lautstärke ansehen, sagte Herr Zamboni und drehte die Lautstärke des Fernsehers auf Null. Krieg ist lauter oder leiser, und Herr Zamboni erzählte ein einziges Mal von seinem Grossvater. Stell dir vor, ein Granatsplitter wanderte jahrelang durch seinen Körper und traf irgendwann sein Herz. Luisa sass in Herrn Zambonis Küche, Herr Zamboni erzählte und im Fernseher bewegten sich die lautlosen Bilder. Seither dachte Luisa ans Herz von Herrn Zambonis Grossvater, wenn von Bomben die Rede war.

Jahre später wachte Luisa mitten in der Nacht auf. Herr Zamboni stand vor ihr, er hatte eine neue Frisur, seine Haare krausten sich in alle Richtungen, Herr Zamboni, flüsterte Luisa. Herr Zamboni zückte die Schere und den Kamm, er frisierte die Luft und lächelte. Woher kommen Sie, flüsterte Luisa.

Ein Tag.

Luisa las, für Kinder ist das Betreten verboten. Luisa war auf dem Dachboden. Sie schaute aus dem Fenster. Und sah die Tauben fliegen. In ihrem Buch stand, es ist ein Geheimnis, wie die Vögel fliegen. Luisa holte die Papierfetzen vom Keller. Sie faltete Vögel. Sie öffnete das Fenster und liess sie fliegen. Und die Vögel fielen auf die Strasse.

Mit einem Stecken angelte Luisa unter den Holzlatten durch. Luisa wollte sehen, was unter den Tüchern war. Sie entdeckte das schönste Bild der Welt. Eine Frau trug ein wallendes Kleid. Sie schaute nach hinten, zu den Birken, und Luisa fuhr mit dem Stecken langsam über den Stoff und immer tiefer in den Ausschnitt. Und der Ausschnitt und der Stoff hatten fast dieselbe Farbe. Luisa hörte die silbrigen Birkenblätter im Wind.

Dann zog Luisa ihre Bluse aus. Sie legte ihr Gesicht in eine Hand und blickte über ihre Schulter. Da stand ihre Mutter, hinter ihr hing die Wäsche. Luisa zählte, die Schritte der Mutter. Was machst du da, zischte die Mutter. Luisa sagte nichts. Wenn das der Vater sehen würde, die Mutter zerrte an Luisas Arm. Sie erklärte Luisa, sie dürfe das nicht tun. Kind, wieso spielst du nicht mit deiner Puppe, und Luisa schwieg. Die Mutter drückte sie mit den Armen und weinte. Luisa wartete, bis die Mutter damit aufhörte.

Antonella und Luisa spielten Roboter. Die eine konnte mit der anderen tun, was sie wollte. Antonella zog Luisa aus. Sie sagte, du hast schöne Knöpfe. Antonella spuckte in die Hände und rieb Luisas Bauchnabel. Sie steckte Bleistiftstummel zwischen Luisas Zehen. Das sah komisch aus, Antonella und Luisa lachten.

Antonella holte den Hamster von den Nachbarn. Luisa musste sich auf dem Boden ausstrecken und Antonella legte den Hamster auf Luisas Bauch. Luisa durfte sich nicht bewegen und dann lachte Antonella und sagte, der Hamster hat dir auf den Bauch geschissen. Luisa lachte auch, da kam Frau Fotti mit Antonellas kleiner Schwester zur Tür herein. Frau Fotti liess die Tasche fallen und es klirrte, weil die Flaschen kaputtgingen. Sie streckte ihre Hände zum Dach und sprach auf italienisch, es klang wie do re mi, ganz schnell. Antonella und Luisa konnten nichts sagen, weil sie nicht wussten was. Sie sahen, dass Frau Fotti sehr aufgeregt war. Luisa zog ihren Pullover verkehrt herum an. Auf dem Rücken stand O. K.

Dann suchten sie eine ganze Weile den Hamster. Auch Frau Fotti kroch auf den Knien und Luisa sah ihre Unterhose. Sie war schwarz und glänzte, am liebsten hätte Luisa sie angefasst.

Mit der Schürze wischte sich die Mutter das Gesicht und nahm Luisa an der Hand. Heute gibt's Hühnerreis, sagte die Mutter, das hast du gern, und Luisa nickte.

Sie assen in der Küche. Luisa sass in der Ecke der Sitzbank. Über dem Vater hing eine rote Uhr mit weissen Zeigern, wie sein Schutzengel, dachte Luisa. Niemand sagte etwas.

Eine Nacht.

Luisa war schlecht. Sie hatte ihren Pyjama ausgezogen. Ihre Lehrerin, der Abwart, die Frau vom Lebensmittelladen, die ganze Nachbarschaft hatte sich versammelt. Sie schauten von oben auf Luisa. Luisa trug ihre blaue Unterhose. Alle hatten Köpfe wie Lampions und schwarze Augen. Luisa wollte sich anziehen. Sie konnte sich nicht bewegen. Sie lag auf einem Holzbrett. Das ist nicht normal, schrie Nataschas Mutter und Nataschas Vogel kreiste um ihren Kopf. Der Abwart zog seinen Schlüssel aus der Tasche. Der Schlüssel wurde immer grösser. Luisa schnippte mit den Fingern und zählte. Jemand winkte Luisa von weit hinten. Da sah Luisa die Rollschuhe an ihren Füssen. Sie sprang auf, schubste den Abwart zur Seite. Ich bin schnell, und Luisa spürte, wie sie mit dem linken, dann mit dem rechten Bein abstiess. Ganz hinten, auf einer Sprossenwand, sass Herr Zamboni. Er winkte mit beiden Händen.

Herr Zamboni.

Zwei Haartrockner. Zwei Lavabos. Eine Küche. Ein Hund und ein Schaufenster. Auf einem kleinen Tisch lagen die Hefte mit den Frisuren. Neben dem Tisch war ein Stuhl für Luisa. Manchmal stellte Luisa den Stuhl vor den Herd und setzte Wasser auf, sie machte Tee. Wollen Sie einen Tee, fragte Herr Zamboni seine Kunden und die meisten sagten, ja. Luisa zählte die Sorten auf und hob die Finger dazu. Die Namen hatte Luisa auswendig gelernt, und die sind schwierig, erklärte Herr Zamboni den Kunden. Luisa sagte fast beiläufig, Earl Grey. Auf den Teelöffel legte sie zwei Würfel Zucker.

Nachdem Antonella gegangen war, war Luisa im Keller oder auf dem Dachboden. Oder bei Herrn Zamboni. Luisa schwieg, Herr Zamboni wollte nichts wissen. Er sagte, du hast recht. Und Luisa setzte sich auf ihren Stuhl. Herr Zambonis Hund schlief im Schaufenster.

Die Fensterläden öffneten sich wie von allein, Luisa leuchtete mit der Lampe in die Nacht hinein, sie knipste die Lampe an und wieder aus, das Nachthemd füllte sich mit kalter Luft. Der Vater brüllte, die Mutter weinte. Luisa setzte sich aufs Fenstersims, blätterte in ihrem Schulbuch und sagte die Überschriften laut vor sich hin, sie wollte nichts hören. Über den Wolken, las Luisa, das Geheimnis der Vögel.

Dann spitzte sie die Farbstifte der Reihe nach und drückte die farbigen Spitzen in den Teppich und sah zur Tür, da war kein Schlüssel. Luisa kroch unters Bett und ass ihren Vorrat, was anderes hätte ich tun sollen.

Ich habe einen leichten Schlaf, erzählt Luisa ihrer Nachbarin in Wien. Frau Sunder ist fünfundsiebzig Jahre alt. Kommen Sie zu mir, wenn Sie nicht schlafen können, sagt sie. Frau Sunder hat drei Zimmer und einen kleinen Balkon.

In einer Nacht im Winter klopft Luisa an Frau Sunders Tür. Als sie Frau Sunder mit Morgenrock und zerzaustem Haar sieht, entschuldigt sich Luisa. Ach was, Frau Amrein, sagt Frau Sunder und bittet sie herein. Sie setzen sich in die Küche. Wie finden Sie meine Pflanze, fragt Frau Sunder und schaut zur grünen Decke. Beeindruckend, antwortet Luisa. Frau Sunder prustet, bald ist kein Platz mehr für mich da, ich werde sie stutzen. Möchten Sie etwas trinken? Ja, sagt Luisa.

Meistens schlief ich mit Licht, erzählt Luisa. Ich schaute mich im Zimmer um.

Ein Schreibtisch aus dunkelrotem Holz.

Ein Schrank aus dunkelrotem Holz.

Ein Regal mit vier Fächern.

Ein brauner Stuhl.

Ein Kalender.

Und der Teppich, fragt Frau Sunder. Grün mit Muster, und Luisa stockt.

Oft wünschte ich mir nichts sehnlicher, als in Herrn Zambonis Schaufenster zu schlafen.

Luisa Amrein trug einen hellbraunen Wintermantel. Er passte gut zu ihrem dunklen und locker zusammengebundenen Haar und Luisa wartete vor der Bahnhofshalle mit ihrer Tasche und geschminkten Lippen. Vielleicht leuchteten sie wie die Buchstaben auf dem Rücken des Zeitungsmannes. Und am Bahnhof fühlte Luisa die Grösse der Stadt in der Kälte. Sie kaufte eine Zeitung. Frank liess auf sich warten, Luisa wartete gern. Entschuldige bitte.

Luisa hätte sich am liebsten nach hinten gesetzt und sie sass auf dem Beifahrersitz neben Frank und sie fuhren stadtauswärts. Die Strassen vervielfachten sich wie die Häuser und Bäume auch. Luisa kreuzte die Beine, weil ihr Herz klopfte. Sie wollte etwas sagen. Manchmal schielte sie zu Frank und konnte nichts ausser die Löcher unterhalb seiner Wangen erkennen. Luisa fühlte die kalten Zehen in ihren Stiefeln und die nassen Achselhöhlen im Rollkragenpullover. Der Winter ist ein richtiges Scheusal, das hatte eine alte Frau in der Strassenbahn gesagt und sich die Hände gerieben, Luisa hatte ihr recht gegeben, ich mochte ihre Hände. Wieso, fragte Frank. Weil sie so trocken und runzlig waren, dass ich sie mir nicht anders vorstellen konnte. Ist das ein Grund, Hände zu mögen, und Frank bremste abrupt.

Nummer einundzwanzig stand inmitten von Häusern mit Bäumen, am Stadtrand. Die Wohnzimmerfenster reichten vom Boden bis zur Decke und vier schwarze Vögel klebten an den Scheiben. Die Steinplatten des Gartensitzplatzes waren grau-weiss gesprenkelt und der Fahnenmast ragte leer in den Himmel. Franks Anzüge hingen im Schlafzimmer an einer Metallstange. Luisa fragte, brauchst du die alle, Frank hielt ihr ein Glas hin und Luisa trank selten Whisky, weil sich das für junge Frauen nicht gehört, Frank prostete Luisa zu und zog die Nase ein wenig hoch.

Im Schlafzimmer roch es kalt. Luisa lag im Doppelbett unter einer schweren Decke neben Frank und konnte nicht einschlafen. Frank atmete mit offenem Mund und Luisa dachte, er ist bestimmt älter als ich. Die Nachttischlampe entfärbte Franks Haut und durch den grell gestreiften Bettbezug erschien sein Gesicht noch blasser. Luisa tastete ihn mit Blicken ab, sie hätte gern Punkte auf seine Hautlöcher getupft und seine beiden Augenfalten mit einem grünen Filzstift nachgezogen. Was für ein Mann, und Luisa war verblüfft, dass Franks Gesicht sich so von seinem Bettbezug abheben konnte und sein blosser Kopf Unverständliches vor sich hin sprach, das hat bestimmt mit seinem Beruf zu tun, dachte Luisa und schlüpfte aus dem Bett.

Im Schrank im Schlafzimmer hingen die Kleider von Franks Frau. Es waren schlichte und elegante Kleider in unauffälligen Farben. Luisa probierte sie an und sie waren auf Luisa zugeschnitten. Sie hatte noch nie Kleider in dieser Art getragen und sie drehte sich vor dem Spiegel und das schwarze Abendkleid mit den zwei unterschiedlichen Stoffen übereinander gefiel ihr am besten. Luisa schminkte sich die Lippen, zog die Augenbrauen nach und steckte die Haare hoch. Frank schlief im Spiegel, Luisa setzte sich aufs Sofa im Wohnzimmer und wartete, bis die Sonne aufging. Dann setzte sie sich auf den Teppich, ganz nah zum Fenster, an dem die Vögel klebten, und das Licht veränderte den Teppich, es war sehr schön. Und Luisa dachte, dass Frank schlafen wollte, bis seine Frau wiederkommt.

Normalerweise verabredeten Luisa und Frank sich am Wochenende, entweder am Freitagabend oder am Samstagabend, lass uns was trinken, Frank legte seinen Arm um Luisas Schulter und sie streifte als erstes über seine Haut. Er führte sie in die Bar nicht weit vom Bahnhof und das war angenehm, hier sind wir ungestört. Frank bestellte schottischen Whisky, hängte sich ein mit den Augen und rauchte. Luisa wünschte, etwas zu sagen. Sie trug die Bluse mit den aufgedruckten Seepferden und Tintenfischen, die sie sonst nicht passend fand, du hast aber eine extravagante Bluse, sagte Frank und schaute Luisa weit ins Gesicht, bevor er sie küsste, und sie fühlte einen Drang, die Bluse ganz nah bei Frank zu sehen.

Ein paar Zeitschriften rutschten auf dem Rücksitz hin und her, als sie gegen zehn stadtauswärts fuhren. In den meisten Häusern brannte Licht und Luisa zählte unbekannte Menschen in beleuchteten Fenstern. Frank drehte das Radio an und pfiff. Seine Hände lagen in Handschuhen auf dem Steuerrad. Nach der fünften Ampel fuhr er statt nach rechts nach links. Warum. Luisa fragte nicht. Vielleicht packt er mich in den Kofferraum und fährt weit weg, irgendwohin. Sie drückte ihre Stiefel gegen die Tasche. Frank hielt an einer Tankstelle und Luisa stieg aus, ihr Atem war sichtbar in der Luft. Er hatte ihr Blumen geschenkt. Auch die Angst treibt mich zu Frank, dachte Luisa.

Mit übereinandergeschlagenen Beinen sass Frank auf dem Sofa, seine Stirn glänzte im Kerzenlicht. Er hielt Luisa das Glas hin, auf die Schönheit der Frauen. Luisa hob ihr Glas, sie hatte noch nie auf die Schönheit der Frauen getrunken, sie wollte einen Witz erzählen. Seit wann wohnst du hier, fragte Luisa und Frank antwortete, das Christkind hat mir das Haus zu Weihnachten geschenkt. Er sah belustigt umher und zog Luisa zu sich. Während Frank sie küsste, blickte Luisa zwischen seine Augenbrauen.

Meistens schlief Frank auf der Stelle ein. Luisa lag wach und stellte sich vor, wie sie die Anzüge auf den reglosen Frank legen würde, um zu beurteilen, welche Farben und Muster am besten zu seiner Haut passten. Und weil die Nächte nicht ausreichten, blieb Franks Gesicht morgens zugeschnürt wie ein Paket und er frühstückte im Stehen, ich muss los. Frank arbeitete als Kommunikationsberater und Luisa fragte, was tust du da genau. Meine Arbeit ist weltweit, und Frank rauchte die Zigarette zwischen den Zähnen, ist das alles, fragte Luisa. Reicht das nicht, und Frank rückte sich die Krawatte zurecht. Ohne Hemd und Krawatte sah Franks Hals nackt aus.

Die Haare waren so lang, dass sie jede Kopfbewegung auf den Schultern spürte. Luisa stand am Bahnhof neben den Rolltreppen und die Finger in den Taschen des Wintermantels zogen sich zu Schnecken zusammen. Es war bereits dunkel. Ich finde, Sie sehen sehr attraktiv aus mit offenen Haaren, und der Mann hauchte die Worte in die Luft und klopfte nebenbei eine Zigarette aus dem Päckchen. Er bot Luisa eine Zigarette an und sie rauchten und sahen sich manchmal an und Luisa dachte daran, einem Fremden zu sagen, Sie sehen attraktiv aus. Ich kann es mir nicht vorstellen, sagte Luisa. Was denn, fragte der Mann, dass wir uns nicht mehr wiedersehen, ich auch nicht, der Mann hob die Augenbrauen und hinter ihm liefen die Menschen und das eine hatte mit dem anderen nichts zu tun.

Ich möchte Sie gern verführen, der Mann hielt Luisa die Karte hin und machte Empfehlungen zu den einzelnen Getränken und er tat es amüsant und immer, wenn er gutgelaunt war. Und übrigens, Frank Ulrich ist mein Name, er küsste Luisa Amrein die Hand. Sie entschied sich für einen Aprikosenschnaps und er sagte, ich trinke nur Whisky. Dann war es ganz still. Was tust du am Bahnhof, fragte Frank. Ich schaue zu. Eine Stunde jeden Tag. Wozu denn? Ich überlege, ob ich wegfahren soll. Frank aber war da, wie ein Wochentag.

Franks Fuss drückte das Gaspedal, die Strassenlichter schossen durch die Scheiben, der Talisman schlug gegen die Frontscheibe, du hast es aber eilig, sagte Luisa und ihre Hand war mit dem Griff verwachsen. Hast du Angst, rief Frank, du weisst doch, ich habe einen Schutzengel mit breiten Flügeln, und Franks Poren waren hässlich. Ich habe Geburtstag, hast du das vergessen? Am Strassenrand lag Schnee und auf dem Rücksitz eine Kartonschachtel mit Getränken. Komm, sing ein Lied für mich, Frank schnalzte mit der Zunge, Luisa blieb stumm. Hast du nicht gehört, Franks Gesicht schwitzte und der Tachometer bewegte sich im Uhrzeigersinn, ein Lied für das Geburtstagskind. Und Luisa fing an zu singen, Frank brüllte, lauter, Luisa sang, Ave Maria, und die Stimme verhedderte sich im Hals und Frank raste, wie wenn er etwas in der Welt verloren hätte. Sing was Lustiges, wer will denn zum Geburtstag Ave Maria hören, und er schlug mit der rechten Hand aufs Steuerrad, aber Luisas Kopf streikte und Frank brüllte, wenn du nicht singst, fahr ich gegen den nächsten Baum. Und Luisa sang, Hoch auf dem gelben Wagen, die Strassenlichter verschmierten zu einer Linie und Frank sang mit, sitz ich beim Kutscher vorn, und bremste nicht ab, als er überholte, und Luisa dachte, wenn ich hier lebend rauskomme, bring ich ihn um.

Frank raste über die Schwelle und hielt knapp vor der Garage, mein kleines Kleeblatt, danke für die Spritzfahrt. Er stellte den Motor ab, Luisa stiess die Tür auf, schlug sie hinter sich zu. Frank liess den Kopf aufs Steuerrad fallen und umklammerte es mit den Händen. Luisa setzte sich auf die Reifen in der Garage. Und sie sieht heute noch Franks nackten Hals in seinem Auto, seine Haare waren bis zu den Ohren hoch rasiert, wenn er sich nicht rührt, tu ich was, und Luisa hörte das Herz im Hals, sie flüsterte, eins, zwei, drei, vier, und bis fünfzig hatte Frank keinen Wank gemacht.

Dann rammte Luisa das Hinterteil der Schneeschaufel gegen das Seitenfenster und Frank fuhr hoch, in seinem Mund steckte ein Loch. Der erste Hieb sprengte feine Adern in die Scheibe und es sah schöner aus als ein Strassennetz, du Arschloch, rief Luisa, beim zweiten Stoss zersplitterte das Glas in winzige Scherben und Luisa sah Frank auf sich zukommen. Er riss ihr die Schaufel aus der Hand, holte aus, sie kreuzte die Arme über dem Kopf, Frank schlug zu, es knallte hell.

Luisa öffnete die Augen. Frank hatte das Frontfenster eingeschlagen und die Schaufel weggeworfen, seine Arme pendelten neben ihm, während er Luisa anblickte und keuchte. Ein paar Glaszacken hingen noch im Rahmen, durchgebrannt was, sagte Frank leise und weinte.

Hatten Sie etwa Mitleid mit ihm, fragte Frau Sunder später.