Bachmannpreis ORF.at Texte
FR | 11.02 | 15:52
Simona Sabato Kontroverse um Sabato
Die deutsche Autorin Simona Sabato las auf Vorschlag von Burkhart Spinnen den Beginn eines noch namenlosen Romans. Die Jury war geteilter Meinung.
Simona Sabato (Bild: ORF - Johannes Puch)
Komplexität von Beziehungen
Thematisch beschäftigt sich die Autorin in ihrem Romanauszug mit der Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen im Spiegel alltäglicher Begebenheiten.

Sabatos Geschichte entspinnt sich zwischen Ankunft und Abschied, einer Theatervorstellung, in der man sich selbst spielen soll und der essentiellen Notwendigkeit herzeigbarer Mülltüten.
Martin Ebel "Gewaltig schöngeredeter Text"
Juror Martin Ebel meinte: "Im Text ist alles drin - der gute und der schlechte Müll". Hier werde gleichsam "Derrick-mäßig" erzählt, da ein ständiger Selbstkommentar stattfinde.

Juror Martin Ebel konnte trotz allem nicht umgestimmt werden. "Gewaltig schöngeredet!", so sein abschließendes Urteil.
Heinrich Detering "Thema Kommunikationslosigkeit"
Heinrich Detering fand den Text zuerst noch "nett", musste diese Ansicht nach den Wortmeldungen der Kollegen aber revidieren.
Heinrich Detering (Bild: ORF - Johannes Puch)
Seiner Meinung nach thematisiere der Text die "Kommunikationslosigkeit im Alltag" unter Zuhilfenahme scheinbar locker hinerzählter Alltagsszenen. Auch hier werde Metaphysikverzicht geübt, wie etwa im Text Herrndorfs.
Iris Radisch "Große Verarschung der Jury"
Gänzlicher anderer Meinung war Juryvorsitzende Iris Radisch: "Total Gaga", lautete ihr Urteil denn auch. Sie sah im Text eine "ganz große Verarschung" der Jury und der Leser.

Zwar sei die Coolness, mit der hier erzählt werde zu loben, der Zugang zum Trash der Autorin, der ohne jede Wertung erfolge. Gleichzeitig kritisierte Radisch die "Schreibwirklichkeit" der Autorin, die nur als "absolutes Desaster" zu bezeichnen sei.

"Hier wird das Mikro direkt in den Wahnsinn gehalten!", so Radisch, was ein Verständnis des Textes unmöglich mache.
Burkhart Spinnen "Thematisierung des Wahnsinns"
Burkhart Spinnen, von dem der Vorschlag erfolgt war, sah in der Thematisierung des Wahnsinns als anthropologische Konstante das Hauptthema der Erzählung, die sich in diesem Fall als "Vermüllung" manifestiere.

Die "Übersprünge ins Verrückte" würden über die verwendeten Sprachformeln hergestellt: "Das ist jazzhaft komponiert!", lautete sein abschließendes Urteil.
Burghart Spinnen (Bild: ORF - Johannes Puch)
Spinnen: "Frau Radisch, Sie fordern strukturierten Wahn!"
Iris Radisch hielt den Text Sabatos trotz aller Einwände ihrer Kollegen für "in die Höhe geredet". Zwar sei der Wahnsinn hier "von innen heraus erlebbar" - es fehle jedoch an Struktur.

Darauf Spinnen: "Sie fordern strukturierten Wahn!" - was Radisch bejahte.
Ilma Rakusa "Patchworkartige Erzählweise"
Ilma Rakusa wiederum zog Parallelen zur patchworkartigen Erzählweise einer Kathrin Röggla. Der Text besitze eine "rhizomatische" Ausbreitung und breite sich in alle Richtungen gleichzeitig "geschwürartig" aus.

Darüber hinaus betonte Rakusa die Rhythmizität der Prosa, wodurch der Text in einen gleichsam "schwebenden Zustand" gelange.
Daniela Strigl "Beunruhigendes Psychogram"
Jurorin Daniela Strigl erblickte in Sabatos Prosa das "beunruhigende Psychogram" einer Person, die versucht "Varianten von Normalität durchzuexerzieren, wobei aber keine Normalitätsfolie zu passen scheint."
Ursula März "Raffiniert unnormale Protagonistin"
Auch Ursula März fand Gefallen an dem Text. Allerdings vermisste die Jurorin die Kausalität der Erzählung, wobei sie jedoch die Verrücktheit der Protagonistin, das "Unnormale" auf ganz raffinierte Weise verwirklicht sah.
Publikum (Bild: ORF - Johannes Puch)
Norbert Miller "Perspektivenloser Erzählstil"
Norbert Miller problematisierte die "Perspektivenlosigkeit" des Erzählstils, die den Text um die Möglichkeit bringe, in irgendeiner Art und Weise als Roman "fortgeführt" werden zu können.
Klaus Nüchtern "Protagonistin ist Gaga"
Klaus Nüchtern wiederum erklärte das Chaos zur Normalität und wehrte sich dagegen, ständig "metaphysische Abgründe aufzureißen". Fest stehe aber, dass nicht die Story, wohl aber die Protagonistin "Gaga" sei.

Als Problem erweise sich laut Nüchtern die paradigmatische Offenheit des Textes, der ein Verständnis des Lesers erschwere.

Zusammengefasst von Barbara Johanna Frank