Bachmannpreis ORF.at Texte
FR | 11.02 | 15:50
Lutz Seiler (Bild: Johannes Puch)
LUTZ SEILER
Eindeutiger Favorit des ersten Tages
Vorgeschlagen von Ilma Rakusa, ging der erste Lesetag in Klagenfurt mit Lutz Seilers Text "Turksib" zu Ende. Der Auszug aus einem Prosatext entführte Jury und Publikum mit der Bahn in die kasachische Ebene. Zum Ende dieses ersten Lesetags zeichnete sich erstmals ein möglicher Siegertext ab.
Lutz Seiler, Iris Radisch (Bild: Johannes Puch)
Karl Corino Wenige Texte auf diesem stilistischem Niveau
"Lutz Seiler hat schon verschiedentlich aus diesem Reisebericht vorveröffentlicht. Was diese Komplikationen versprochen haben, ist in diesem Text voll eingelöst. Ich fürchte, wir haben bei diesem Wettbewerb wenige Texte, die auf diesem stilistischen Niveau angesiedelt sind", begann Karl Corino.

Am eindrucksvollsten habe er die "Sterbegeschichte" des Heizers gefunden und die Art, mit der Lutz Seiler die Töne, das Singen in Bilder verwandle - das haben ihm sehr imponiert. Ihm komme die Geschichte so vor wie eine heimliche Hommage an den vor kurzem verstorbenen Autor und "Heizer" Wolfgang Hilbig.
"Um auf einen Vorgang bei dessen Beerdigung anzuspielen: Katja Lange-Müller hat Hilbig ein Brikett nachgeworfen, ich glaube, dass sollte man bei diesem Heizer eines Tages auch tun", lobte Corino.
Publikum (Bild: Johannes Puch)
Das Publikum hörte der Lesung gebannt zu.
Iris Radisch Radisch: "Hier wird mit allen Sinnen erzählt"
Iris Radisch stimmte in die Begeisterung Corinos ein: "Ich finde, hier haben wir einen ganz großartigen, dichten Text, ein Märchen aus uralter Zeit, das irgendwann wirklich existiert hat". Hier werde mit allen Sinnen erzählt, der Übergang "sinnlicher Wirklichkeit" zum Mythos und zum Märchen sei wunderbar gestaltet.

Auch die von Corino festgestellte Hommage an Hilbig "schwinge mit", ohne fest ausdefiniert zu sein. Die Erzählung besitze in allem einen weiten "Hallraum" und "Bedeutungshof". Zum wichtigen Motiv des Geigerzählers "könnten ganze Geschichten erzählt werden".

Die in der Erzählung vorkommenden Orte seien wirklich durch Atomtests der Sowjetunion atomar verseucht worden, gleichzeitig sei der Geigerzähler der Erzähler selbst. Dieses Motiv spinne sich bis in das lyrische Werk des Autors fort, dessen Vater in der Tat im Uranabbau tätig gewesen und dabei verstrahlt worden sei. "Es ist wunderbar, dass sich die verschiedenen Bedeutungsschichten wie in einem Gedicht aneinanderfügen", schloss Radisch, sichtlich zufrieden.
Iris Radisch (Bild: Johannes Puch)
Radisch geriet ins Schwärmen: "Ich finde, hier haben wir einen ganz großartigen, dichten Text, ein Märchen aus uralter Zeit, das irgendwann wirklich existiert hat".
Martin Ebel Auch Ebel stimmte in den Lobesreigen mit ein
"Das ist ein sehr poetischer, dicht erzählter Text", so Martin Ebel. Hier gehe es um den "Kulturaustausch", jemand soll Brückenbauer und Vermittler sein - fühle jedoch "zunehmend die Fremdheit in einer fremden Welt", was auf surreale Weise verfremdet werde.

Die Bahn "Turksib" selbst führe diese durch Zeit- und Raumverwirrung herbei: "Man weiß nie, wie weit man schaut, es ist diese ewige Ebene". Die Geschichte werde immer surrealer, immer fremder. Alles in allem: "sehr gelungen" und in sich "geschlossen", stimmte Ebel mit ein.
Daniela Strigl "Ein sehr erotischer Text", fand Strigl
Auch Daniela Strigl hatte nichts gegen die überaus positiven Reaktionen ihrer Kollegen einzuwenden: "Man muss schon ordentlich Anlauf nehmen, um den Sprung von in der normalen städtischen Gegenwart angesiedelten Texten in diesen mythischen Zug zu wagen - und man muss auch als Leser etwas riskieren", meinte Strigl.

Der Text belohne dies aber: "Allein die Sprache ist eine ganz andere, alles hat viel mehr Gewicht. Ein sehr raffinierter Text, den man in einer halben Stunde nicht ausloten kann, man wird mit dem Deuten nicht fertig".

Es sei ein sehr erotischer Text, den man auch nach den Kriterien einer Schwulenästhetik lesen könne, schloss Strigl.
Daniela Strigl, Ijoma A. Mangold (Bild: Johannes Puch)
Daniela Strigl fand den Text "sehr erotisch", Ijoma A. Mangold befand "diese komische Burleske" als sehr "eindrucksvoll".
Ilma Rakusa Ein Text mit Tiefe und Vieldimensionalität
Ilma Rakusa zeigte sich von den "vielen Ebenen" der Geschichte sehr angetan. Diese sei sehr "präzise" gestaltet, alles besitze seine eigene "faktografische Genauigkeit".

Der Text verbreite sich in "Wellenbewegungen" nach allen Richtungen hin, dadurch entstehe Tiefe und Vieldimensionalität. "Es tun sich beim Lesen Echo-Räume der eigenen Biographie in Zusammenhang mit dem Fremden auf, so könnte man über jedes Motiv endlos reden - aber ich lasse es dabei", sagte Rakusa.
Klaus Nüchtern Ein Werk mit "ästhetischer Konsistenz"
"Ich meine das wirklich nicht despektierlich: Der Text weckt so ein bisschen die hermeneutische Geilheit", begann Klaus Nüchtern. Es mache Spaß, diese Räume abzuschreiten, Echos zu suchen.

"Der Text gibt einem auch etwas, weil man merkt, dass er eine ästhetische Konsistenz besitzt, die in anderen Texten - an denen man auch herumgeheimnissen kann - eben nicht vorhanden ist."
Klaus Nüchtern (Bild: Johannes Puch)
Nüchtern fand, dass der Text eine "ästhetische Konsistenz" besitze.
Ijoma Mangold "Der Text ist dicht wie ein Gewürzlager"
Auch Ijoma Mangold schlug in dieselbe Kerbe, nicht ohne "zwei Fragezeichen" anzumerken. Auch er befand diese "komische Burleske" als sehr "eindrucksvoll". Der Text karikiere das Projekt der Moderne, der Aufklärung - die interkulturelle Kommunikation - und lasse diese kollabieren.

Die Idee von Aufklärung, "wo Mythos war, wird Vernunft herrschen", funktioniere hier eben nicht. Der Text schaffe starke Textaromen ("Man hat das Gefühl, der Text ist dicht wie in einem Gewürzlager auf einem arabischen Basar"). Aber er sei sich nicht sicher, ob diese Intensivierung nur deshalb entstehe, weil man nur einen Roman-Ausschnitt vor sich habe.

"Einige Momente der Erzählung funktionieren auch deswegen gut, weil der Text sich weder um sein Vorher, noch sein Nachher kümmern muss", so Mangold.
Andre V. Heiz Das kann man jedem Kind vorlesen
"Es gibt an diesem Text etwas unglaublich magisches - der produziert durch das Erzählen den Sinn", so Juror Heiz über einen absolut "faszinierenden" Text. Man gehe beim Erzählen "physisch mit". "Das finde ich brilliantissimo, das funktioniert, man kann es jedem Kind vorlesen".