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(Diagnosestunde)
Wieso Jacobi denn nicht da sei, fragte von Löwenich. Er sei mit Jacobi
um halb zehn Uhr verabredet, hier, im Alten Born, und jetzt ist schon
zehn. Möglicherweise sei etwas passiert. Was denn passiert sein soll,
fragte Dauth von der Theke herüber. Man müsse bedenken, sagte
von Löwenich, in dem Alter, in dem sich Jacobi befinde, könne
jederzeit etwas geschehen. Jacobi habe es am Herzen, es arbeite nicht
richtig, er benötige einen Bypass, lasse sich aber keinen legen,
denn er schenke dem Doktor Bergkamp keinen Glauben, sondern halte ihn
für einen Narren. Obgleich man Bergkamp nachsage, eine Kapazität
auf seinem Gebiet zu sein. Die Leute kämen aus Hamburg und aus Dresden
hierher, um sich operieren zu lassen, Jacobi aber, der in der Kronenallee
dreihundert Meter von Bergkamps Klinik entfernt wohnt, gehe nicht hin.
Jacobi sage, sein, Jacobis, Leben, sein altes, sei ihm zu wertvoll für
so etwas. Bypass, wie oft er dieses Wort höre in der letzten Zeit.
Jeder habe plötzlich einen Bypass. Wilhelm Gronauer habe einen Bypass,
Bürgermeister Flach habe einen Bypass, der russische Präsident
Boris Jelzin habe sogar fünf. Er, Jacobi, glaube, hieße so
ein Bypass nicht Bypass, sondern nach dem deutschen Wort Überbrückung,
dann wäre das nicht in Mode und hätten nicht so viele einen.
Jacobi meine nämlich, daß es den Leuten eine Art von Freude,
von pionierhafter Begeisterung an der modernen Zeit mache, wenn sie das
Wort Bypass aussprächen. So, wie man früher Begeisterung gezeigt
habe für den Mondflug, so zeige man heute Begeisterung für Bypässe.
Oder Augenlaserungen, wie massenhaft sich die Menschen an den Augen lasern
ließen! Möglicherweise sei es ja nicht sinnlos, daß sich
die Menschen an den Augen lasern ließen, aber man müsse, sage
Jacobi, sich einmal den Ton anhören, nämlich den Ton der Begeisterung,
in dem sie von ihrer Laserung erzählten. Von seinen Blinddarmoperationen
erzähle niemand. Davon, daß der Arzt eine Wunde genäht
habe, mit Nadel und Faden, erzähle niemand. Aber daß er die
Linse gelasert habe, davon erzählten alle. Auch die Medizin sei von
der Mode nicht zu unterscheiden. Alle werden zu allen Zeiten plötzlich
angefallen von dem, das alle machen. Das sei das Gesetz der Menschheit.
Wissen Sie, Graf von Löwenich, habe Jacobi neulich gesagt, wie so
ein Besuch bei diesem Bergkamp vonstatten geht? Er, Jacobi, sitze beim
Doktor im Zimmer, und plötzlich beginne dieser, ohne erkennbaren
Zusammenhang, einen Satz aus dem Faust zu sagen. Einen diese Sätze
aus dem Faust, die man an jeder Straßenecke hört. Oder plötzlich
hebe er, Doktor Bergkamp, seinen Finger und beginne ohne jede Veranlassung
zu sagen: Rokoko Galephiko Thethe Timtim und Hebräer. Er nenne das
seine humanistische Bildung. Aus der Schule herausgekommen, funktionierten
diese Menschen wie defekte Rechenmaschinen, in denen nurmehr Fragmente
herumdümpeln und hier und da ausgespuckt werden. Plötzlich,
in der Sprechstunde, da er, Bergkamp, ihm, Jacobi, seine Diagnose stellen
soll, sage dieser Bergkamp: Ich kann noch immer alle Paulusbriefe. Noch
immer alle Paulusbriefe! Und dann, deklamierend, hebe er schon wieder
an:
Rokoko
Galephiko Thethe Timtim und Hebräer!
Und, stolz auf sein abundierendes Wissen, das Stethoskop um den Hals und
mit dem Jacobischen Diagnosebogen vor sich auf dem Schreibtisch, sage
er, immer mit dem erhobenen Zeigefinger: Römer, Erster Korinther,
Zweiter Korinther. Galater, Epheser, Philipper, Kolosser. Ich kann sie
noch alle. Erster Thessalonicher, Zweiter Thessalonicher! Erster Timotheus,
Zweiter Timotheus und Hebräer! Alle noch da! Aha, sage dann Jacobi.
Bergkamp: Ich kann auch noch alle Musen, soll ich sie Ihnen aufzählen?
Jacobi: Nein. Ob er, Jacobi, denn auch noch alle Musen könne? Nein,
sage Jacobi, er habe noch nie alle Musen gekonnt. Ja ob sie denn früher
nicht die Musen gedrillt hätten? Jacobi: Doch, freilich hätten
sie früher die Musen gedrillt, er, Jacobi, habe sie aber stets weder
lernen können noch lernen wollen. Bergkamp: Aber lernen ist wichtig,
lernen hält den Geist mobil. Gerade als alter Mensch müsse man
seinen Geist mobil halten. Er, Bergkamp, empfehle den alten Leuten immer,
Kreuzworträtsel zu lösen. Erstens fülle das die Zeit (die
bis zum Tod), und zweitens halte das den Geist beweglich. Drittens habe
man eine Aufgabe. Er, Jacobi, sollte vielleicht auch mit dem Kreuzworträtsellösen
beginnen. Es gebe preiswerte Hefte am Kiosk, die für eine ganze Woche
reichten. Im übrigen seien diese Kreuzworträtsel nicht schwer.
Hauptstadt von Italien drei Buchstaben. Chemisches Zeichen für Eisen
zwei Buchstaben. Das wisse man doch noch alles. Und da sei es doch schön,
wie sich das Stück Papier vor einem langsam mit dem eigenen Wissen,
das man noch habe, fülle. Da sei es kein Mißstand, wenn man
die Musen noch könne. Muse der Geschichtsschreibung vier Buchstaben
zum Beispiel, na? Jacobi habe die Antwort darauf, um Bergkamp seinen Triumph
zu lassen, verweigert. Klio! Klio! habe Bergkamp begeistert ausgerufen.
Latein, Griechisch, alles das sei gut, gerontologisch erwiesen, wer die
alte Sprachen könne, altere besser. Überhaupt, der Wissenschatz
derer, die die alten Sprachen können, eigne sich, er könne es
täglich im Krankenhaus studieren, besser für das Kreuzworträtsellösen.
Wer einmal Griechisch gelernt habe, so wie er, Bergkamp, könne ganz
leicht Fragen beantworten wie griechisch für Verteidigungsrede acht
Buchstaben. Acht Buchstaben! Ohne jeden Anhaltspunkt. Wer nicht im humanistischen
Gymnasium gewesen sei, scheitere an dieser Aufgabe, dem könne man
drei, vier Buchstaben an die Hand geben, zum Beispiel A--lo-i-, und er
komme doch niemals darauf. Aber unsereiner, nicht, Jacobi, müsse
über so etwas überhaupt nicht nachdenken, und schon komme das
Wort Apologie wie aus der Pistole herausgeschossen. Ich weiß, das
ich nichts weiß, Sokrates, er, Jacobi, erinnere sich doch. Jacobi,
auf seinem Stuhl vor dem Chefarzt Bergkamp sitzend, habe sich für
einen Augenblick überlegt, jetzt gehe ich auf Konfrontationskurs,
jetzt mache ich ihn nieder, dann aber habe er sofort gedacht, gegen die
Dummheit geht man nicht auf Konfrontationskurs, die Dummheit muß
man ausreden lassen. Er habe sich jetzt erschöpft gefühlt und
sei für eine Weile abwesend gewesen. Was ihm denn sei, habe Bergkamp
gefragt. Jacobi habe keine Antwort gegeben, sondern nur schwer atmend
neben dem Doktor vorbei an die rückwärtige Wand gestarrt, wo
sich nichts befunden habe, und als der in Sorge versetzte Arzt endlich
für einen Augenblick geschwiegen habe, habe Jacobi in einem Moment
der Erschöpfung und Nachdenklichkeit gesagt wir haben ja nichts in
die Welt gebracht, darum ist auch offenbar, daß wir nichts aus ihr
hinausbringen werden. Aber um Gottes Willen, habe der Doktor Bergkamp
gerufen, was er denn da rede, das sei ja Unsinn, er solle ruhig atmen,
für den Augenblick erst einmal nur ruhig atmen, er hole ihm ein Glas
Wasser, einen Augenblick. Er erleide eine Insuffizienz. Es ziehe plötzlich
über den Kopf, und dieser sei für einen Augenblick unkontrolliert.
Da bekomme man Angst und meine, gleich treffe einen der Schlag. Ob er,
Jacobi, sich denn überhaupt erinnern könne, was er eben gesagt
habe. Natürlich, habe Jacobi gesagt, könne er sich daran erinnern,
er könne sich an jedes Wort erinnern. Er habe gesagt, wir hätten
nichts hereingebracht in diese Welt, so daß wir auch nichts mit
fortnehmen könnten, ein nicht komplizierter Gedanke. Bergkamp: Wie
er denn darauf gekommen sei, er, Bergkamp, habe gedacht, er, Jacobi, sei
verwirrt, und habe kein Wort verstanden. Jacobi: Wie er darauf komme,
frage er? Aber er, der Doktor, habe doch von den Paulusbriefen angefangen.
Er habe doch gesagt, er könne noch alle Paulusbriefe. Und jetzt erkenne
er nicht einmal einen Paulussatz aus einem dieser Paulusbriefe. Jaja,
habe der Doktor gesagt, habe auf seinen Diagnosebogen geschaut und sich
geärgert. Er sei kein Theologe, er sei Arzt. Ob er denn ein gesundes
Kind gewesen sei? Kerngesund, habe Jacobi gesagt. Ob er viel Bewegung
gehabt habe. Ja, habe Jacobi gesagt, er sei immer an der Nidda entlanggelaufen,
im Frühling, im Sommer, auch im Winter, wenn es kalt gewesen sei,
und da ebenfalls meistens barfuß, denn er sei ja ein Naturfanatiker
gewesen. Er sei als Kind so gut wie immer barfuß gelaufen. Er sei
abgehärtet gewesen. Im übrigen habe er die Unsitte des Onanierens
nicht geteilt, die damals in grassierender Weise seine Mitschüler
angefallen habe. Allerdings, müsse er zugeben, habe er an einem anderen
Punkt seines Lebens dann ebenso radikal damit begonnen. Als Zwölfjähriger
sei er vom Protestantismus zum Katholizismus übergetreten, damals,
im Zeitalter des ersten Regungen. Habe ihn die Lust überkommen, so
habe er sie, von Anfang an und radikal, nicht mit der Haushälterin
überbrückt und nicht mit der Ansichtnahme von Bildern, nicht
mit Courbet, nicht mit Fragonard, sondern er habe sich einen Wasserkübel
aus dem Waschraum geholt, habe sich nackt ausgezogen und sich mit dem
eiskalten Wasser aus dem Gartenbrunnen übergossen. Kübel um
Kübel habe er sich mit dem Wasser behandelt und solcherart seine
Regung kleinbekommen. Sein Beitritt unter die Katholischen sei natürlich
ungewöhnlich gewesen, seine Eltern hätten ihn sofort für
verrücktgeworden erklärt. Du kannst doch nicht zu den Katholischen
gehen, die spinnen doch alle, habe sein Vater gesagt, die verbieten dir
doch alles, die drohen dir mit Höllenstrafen, aber er, Jacobi, sei
dennoch und gerade deshalb übergetreten. Als seine Mitschüler
vor den Sportstunden in der Kabine herumstanden und es um die Wette machten,
habe er, Jacobi, den Sieg des Geistes über das Fleisch davontragend,
triumphierend neben ihnen gestanden. Es sei eine erbärmliche Veranstaltung
gewesen, all die kleinen in die Höhe gereckten Dinger, fast zerschunden
und kaum des Erwarteten fähig. Homolka habe damals immer gewonnen.
Und im folgenden Sportunterricht sei Homolka dafür immer mit seinen
Kräften am Ende gewesen, wie die anderen übrigens auch. Er,
Jacobi, enthaltsam und durch das kalte Wasser gestählt, sei damals
immer wieder der Klasse als sportliches Vorbild empfohlen worden. Nachts
habe er dagelegen, und wenn ihm das Bild der Nachbarstöchter gekommen
sei und sich das Füllen der Schwellkörper zeitgleich mit dem
vorsorglichen Entzünden des Höllenfeuers in seiner Seele ereignet
habe, dann sofort unter den Kübel. Das habe er genau zwei Jahre lang
so getrieben. Anschließend, nach Ablauf dieser zwei Jahre, habe
er ebenso radikal, wie er es ehedem unterlassen hatte, damit begonnen,
nun natürlich umso lustvoller und ausdauernder und in vollem Bewußtsein,
was er daran habe. Mit dem Bewußtsein der Todsünde im Genick,
der sicheren Höllenfahrt, mit der Garantie, von Teufelswesen mit
scheußlichen Marterwerkzeugen in alle Ewigkeit gequält zu werden,
durch Feuer, Eisen, Öl, durch Gestank, Pestilenz, Fäulnis, Stacheln,
Dornen, Zähne, habe es sich umso besser und umso lustvoller tun lassen.
Seitdem wisse er, daß der Mensch ohne Verbote ein erfülltes
Leben gar nicht führen könne. Erst die katholischen Höllenqualen
hätten ihm, im Gegensatz zu seinen Mitschülern, die Welt zu
einer ergötzlichen gemacht. Im Gegensatz zu seinen Mitschülern,
ausgenommen Homolka, habe er, Jacobi, es philosophisch betrieben, als
Vorbereitung auf seine spätere Rolle in der Welt. Die anderen hätten
es einfach nur so gemacht, alsbald ein schlechtes Gewissen bekommen, seien
von der Langeweile ergriffen worden und hätten sehr schnell wieder
davon abgelassen. Er, Jacobi, nicht. Als katholischer Späteinsteiger
koste man so etwas erst richtig aus. Trotzdem habe er sich währenddessen
auch immer mal wieder mit dem Wasserkübel weiterbearbeitet. Er sei
mit der Zeit gegen das kalte Wasser immer widerstandfähiger geworden.
Habe er anfänglich noch die größte Erregung unterbinden
können, so habe er später selbst gegen das kälteste Wasser
anstehen können. Eine Zeitlang habe er sogar gedacht, es fielen ihm
die Hände ab, es falle ihm überhaupt alles ab, Homolkas Vater,
Katholik, habe beispielsweise immer gesagt, der Gesunde schlafe mit den
Händen über der Bettdecke, der Gesunde bleibe mit seinen Händen
aus der Badewanne heraus. Allerdings habe sich der Katholizismus der Familie
Homolka hierin auf das beste mit dem Nationalsozialismus der Familie Homolka
verbunden, denn so wie die Bibel Onan seinen Fehl ankreide, weil dieser
nicht zum Kind führe, so habe auch schon früh der Nationalsozialismus
das Geschlechtliche, insofern es Kinder zeuge, gefördert, insofern
es aber keine zeuge, verdammt. So sei er, Jacobi, immer leistungsfähiger
geworden, immer widerstandsfähiger, immer subversiver. Mit der Todesangst
im Nacken, da sei überhaupt erst alles möglich. Gegen den Katholizismus
und gegen Hitler anzugehen, das sei in dieser Hinsicht dasselbe gewesen,
nicht nur dem lieben Gott, sondern auch diesem Hitler, der ebensolchen
Anspruch auf seine, Jacobis, Zeugungskraft angemeldet habe wie der liebe
Gott, diese, die Zeugungskraft nämlich, zu verweigern. Wie herrlich
habe er unter Hitler onaniert, noch mit achtzehn, mit zwanzig Jahren und
später. Als die anderen, die Helden des Reiches, bereits ihre drei,
vier Kinder hatten. So, habe Doktor Bergkamp gesagt, nicht auf Jacobi,
sondern lediglich in seinen Diagnosebogen schauend. Ob er denn nach der
Schule studiert habe? Jacobi: Nein. Um zu studieren, hätte er auf
die Universität gehen müssen, aber neunzehnhundertachtunddreißig
habe man nicht auf die Universität gehen können. Er habe eine
musikalische Ausbildung begonnen, aber sie sei ihm wegen seines Herzfehlers
nicht bekommen. Das viele Atmen, er, der Doktor, wisse schon. Im Krieg
sei er übrigens wegen seines Herzleidens daheim geblieben, in Frankfurt,
am Dornbusch, damals habe es noch Herzschwäche geheißen, nicht
Herzinsuffizienz. Nicht einmal Luftschutzwart habe er werden müssen.
Bergkamp: Ob er denn irgendeiner anderen Aufgabe habe nachkommen müssen?
Jacobi: Ja. Man habe ihn in ein Postamt hineingesetzt, dort habe er die
Briefe der Kriegsmütter an ihre Söhne an der Front gestempelt,
Briefe, mit Blümchen und mit Herzen bemalt, man habe gemeint, das
schone ihn. Dazu habe er die Briefe aufreißen und dahingehend durchlesen
müssen, ob wehrmachtszersetzende oder volkszersetzende Äußerungen
in ihnen vorhanden gewesen seien. Noch jetzt könne er zitieren aus
diesen Briefen, mein lieber Karlpeter unsere Gedanken gehen täglich
zu Dir hin nach Semnoborsk (nach Smrtnovosk, nach Kolotov) denn auch in
der Ferne bist Du in unser Herz eingeschlossen und wir immerfort bei Dir
und schicken Dir hiermit drei Paar Strümpfe gestern mein lieber Karlhelmut
hat uns die für uns alle so traurige Nachricht ereilt daß Dein
lieber Bruder Karleduard bei Smrtnovosk gefallen ist eine Granate hat
ihn getroffen er habe nicht gelitten und wünschen Dir daher mein
lieber Karlludwig auch wenn Du nicht bei uns bist ein gesegnetes Osterfest
einen schönen Geburtstag frohe Pfingsten frohe Weihnachten und ein
schönes neues Jahr neunzehnhundertdreiundvierzig neunzehnhundertvierundvierzig
neunzehnhundertfünfundvierzig etc. Bergkamp, von seinem Bogen aufschauend:
Und habe er denn mit seiner Haltung zu den Dingen keine Schwierigkeiten
bekommen? Jacobi: Natürlich habe er Schwierigkeiten bekommen. Das
Kriegsende habe er im Gefängnis erlebt, auf seine Hinrichtung als
verurteilter Volksverräter wartend. Bergkamp: Wie es denn dazu gekommen
sei. Jacobi: Er sei von seinem Bruder denunziert worden. Jahrelang habe
er seinem Bruder Robert gegenüber die Nazis als Verrückte bezeichnet,
was seinen Bruder nicht gekümmert habe, dann habe er, Jacobi, seinen
Bruder Robert selbst als verrückten Nazi bezeichnet (er sei bei der
SS gewesen), daraufhin habe dieser ihn sofort verhaften lassen. Von seinem
Bruder sei er denunziert, von den Amerikanern befreit worden. Bergkamp:
Dann habe er ja den Bruch, den Neubeginn unmittelbar miterlebt. Jacobi:
Welchen Bruch, welchen Neubeginn? Wie sage doch Heraklit, er, Doktor Bergkamp,
werde das doch sicher wissen, was Heraklit sage? Panta rhei, sage Heraklit,
habe der Doktor voller Stolz gesagt. Jacobi: genau. Alles fließt.
Man steige nicht ein und ein weiteres Mal in denselben Fluß. In
einem solchen Fluß, der die Welt sei, der die Menschen sei, der
das Deutsche Reich und Deutschland sei, gebe es natürlich weder einen
Bruch noch einen Neubeginn, denn in einem Fluß gebe es keinen Bruch
oder Neubeginn, dort gebe es nur das gleiche Fließen seit ehedem.
Der Doktor habe ihn angeschaut, als verstehe er ihn nicht recht. Die Deutschen
blieben sich immer gleich, habe Jacobi gesagt, so wie sich alle immer
gleichblieben. Nur weil sein Bruder in der SS gewesen sei, sei er doch
kein anderer gewesen als vorher. Und nachher sei er auch kein anderer
gewesen. Bergkamp habe Jacobi angeschaut. Dann habe er sich geräuspert
und seine Brille aufgezogen. So, und was er denn nach dem Krieg gemacht
habe? Nach dem Krieg habe er, Jacobi, als Gemüsehändler gearbeitet,
auf der Leipzigerstraße, in der Zeit der sogenannten Reedukation.
Was solle er sagen? Heulende Frauen, die von ihren Kindern Geschichten
erzählen, das eine habe die Lungenentzündung, das andere eine
Neuralgie; in Wahrheit seien diese Krankheiten natürlich immer nur
erfunden worden, um vor der Nachbarin den letzten Kohlstrunk zu ergattern.
Die triumphierende Geste, wenn die deutsche Nachkriegsmutter den Kohlstrunk
vor allen anderen Frauen in ihrem Korb versenke und, mit einem Kopfwurf
in den Nacken, an den anderen vorbei- und aus dem Geschäft hinauslaufe.
Oder die Frauen, die, während sie in die Luft gucken, plötzlich
einen Salatkopf einstecken, ohne es anschließend zugeben zu wollen.
Aus dem Leben, denn es gehöre versorgt, leite man sich immer sehr
schnell ein Recht zu lügen und zu betrügen ab. Mit diesen Lügen
und dem schlechten Gewissen habe sich die deutsche Nachkriegsmutter dann
zuhause ins Bett gelegt und geschwiegen darüber wie ein Grab mindestens
für zwanzig Jahre. Welche Zerstörungen, welche Deformationen
aber der erlogene Salatkopf in diesen zwanzig Jahren in der Frau angerichtet
habe, und welche Deformationen und Zerstörungen all die erlogenen
Salatköpfe und Kohlstrünke und was sonst noch im ganzen Land,
in der ganzen Gesellschaft angerichtet hätten, er, Jacobi, wolle
es ihm, Bergkamp, gar nicht ausmalen. Bergkamp: Und weiter? Jacobi: Später,
in den fünfziger Jahren, habe er sich es zu einem Spaß gemacht
gehabt, in die Frankfurter Geschäfte hineinzugehen und die dort Verkaufenden
mit Heil Hitler zu begrüßen. Anschließend, nachdem die
Leute freilich mit Guten Tag zurückgegrüßt oder mit einer
Empörung reagiert hätten, habe er gesagt, aber Frau Tretschkow,
aber Herr Sägebrecht, Sie haben mich früher doch immer, und
zwar auf eine sehr auffordernde Weise, mit Heil Hitler gegrüßt,
und jetzt, wo ich Sie endlich mit Ihrem Heil Hitler grüße,
grüßen Sie nicht einmal zurück. Es habe ganze Straßenzüge
in Frankfurt gegeben, in denen er damals Hausverbot gehabt habe. Zeitweise
sei das sehr problematisch gewesen, denn es habe beispielsweise monatelang
keine Bäckerei mehr gegeben, in der man ihm Brot verkauft habe; sein
Freund Homolka habe ihm damals das Brot besorgen müssen. Er, Jacobi,
sei nicht ein solcher gewesen, daß er mit Schildern auf die Straße
gegangen wäre und beispielsweise demonstriert hätte, der Frankfurter
Polizeipräsident sei ein Nazi, der Frankfurter Polizeipräsident
müsse aus dem Amt gejagt werden undsoweiter. Er sei lediglich in
die Bäckereien hineingegangen und habe gesagt Heil Hitler, Herr Dornhagen,
ein Zweipfünder bitte. Er habe damals dreimal wegen dieser Sache
vor Gericht gestanden. Als der Richter gefragt habe, wieso er, Jacobi,
denn über sechs Jahre nach dem Nationalsozialismus nun mit dem Hitlergruß
beginne, habe er geantwortet, aber der Bäcker Dornhagen habe doch
schon damals immer wieder gesagt, wenn er, Jacobi, den Hitlergruß
nicht verwendet habe, warten Sie nur ab, Jacobi, eines Tages grüßen
auch Sie mit dem Hitlergruß, Sie werden schon sehen. Wenn Herr Dornhagen
unterdessen seine Ansichten geändert habe, könne er, Jacobi,
nichts dafür. Mal wolle Herr Dornhagen mit dem Hitlergruß gegrüßt
werden und versteige sich in Drohungen, dann wieder wolle er gerade nicht
mit dem Hitlergruß gegrüßt werden, versteige sich aber
wiederum in Drohungen etcetera, er, Jacobi, komme da natürlich nicht
mit. Wissen Sie, mein lieber Doktor Bergkamp, der Nationalsozialismus
sei ja nicht das einzige gewesen, was den Deutschen angefallen habe. Der
Nationalsozialismus habe den Deutschen, wie er immer sei, lediglich für
einen Augenblick sichtbar gemacht und ihn vor die Augen der Welt treten
lassen. Natürlich sei der Nationalsozialismus das größte
Glück für die Deutschen gewesen, denn er habe bis heute verhindert,
daß der Deutsche sich über sich aufkläre. Alle sagen,
wieso soll der, der fünfundvierzig ein Nazi gewesen sei, sechsundvierzig
plötzlich kein Nazi mehr gewesen sein? Man kann genausogut sagen,
wer dreiunddreißig ein Nazi gewesen sei, sei in Wahrheit keiner
gewesen, da er nämlich zweiunddreißig noch kein Nazi gewesen
sei. Man könne unendlich in diesen unsinnigen Syllogismen fortfahren,
auf die sich die Deutschen nur allzugut verstünden. Die Deutschen
ließen sich immer gern auf die Unendlichkeit ein. Die deutsche Unendlichkeit
sei die deutsche Decke, unter der alles ablaufe. Sehen Sie, Doktor Bergkamp,
mein lieber Doktor Bergkamp, ich darf Sie doch so nennen, das ist der
Gedanke, den ich seit jeher zu ertragen habe. Wer so etwas zu ertragen
habe, der habe ein starkes Herz, sonst wäre er nämlich schon
tot. Nur, weil Sie behaupten, mein Herz sei schwach und arbeite nicht
richtig, meinten Sie, mich in der Hand zu haben. Ich aber sage ihnen,
gleichgültig was dort auf Ihrem Diagnosebogen steht (der mich im
übrigen überhaupt nicht interessiert), mein Herz arbeitet in
hervorragender Weise. Sie sehen ja, ich sitze vor Ihnen, ich bin nicht
tot. Solange ich lebe, arbeitet mein Herz, und nur, weil es irgendwann
aufhören wird zu arbeiten, werde ich mich noch lange nicht mit Ihrer
Medizin gemein machen. Das wäre ja noch schöner. Bergkamp: Aber
Ihr Herz ist schlecht durchblutet, die Gefäße sind verstopft.
Ein weiterer Schlaganfall kann für Sie den Tod bedeuten. Übrigens
sei er, Jacobi, sonst von hervorragender Konstitution, er werde die Operation
innerhalb von ein, zwei Monaten mit Wahrscheinlichkeit sehr erfolgreich
ausgestanden haben. Sie würden das Blutgefäß seinem Bein
entnehmen, ein Bypass werde genügen. Jacobi: Seinem Bein? Er, Bergkamp,
wolle eine Ader aus seinem, Jacobis, Bein herausnehmen und ihm übers
Herz nähen? Ihm, Ernst Adolf Jacobi, eine Überbrückung
einnähen? Er lasse sich nicht überbrücken. Und schon gar
nicht auf englisch. Das wäre ja noch schöner. Wie lange er denn
ohne diese Operation noch zu leben habe? Bergkamp: Das könne er so
nicht sagen. Möglicherweise lebe er noch zehn, fünfzehn Jahre,
möglicherweise sterbe er innerhalb weniger Wochen, je nachdem, es
könne jetzt jederzeit passieren. Jacobi: So, jederzeit also, eine
zuhöchst genaue Angabe, die jede Überbrückung ohnehin überflüssig
mache. Nein, er habe immer gewußt, wann er gegen etwas anzugehen
habe, und er wisse es auch jetzt. Er, Jacobi, sitze ohnehin nur hier,
in seiner, Bergkamps, Diagnosestunde, um sich die Welt noch einmal deutlich
vor Augen zu führen, bevor er aus ihr hinausgehe. Eine Welt, die
zur Medizinalwelt geworden sei, in die jeder Mensch als Krankenversicherungsmitglied
eintrete, wie er früher in die Partei des deutschen Führers
eingetreten sei, nämlich rückhaltlos und ohne die Konsequenzen
vor Augen zu haben. Der deutsche Führer hätte an dieser Medizin
seine Freude gehabt. Menschen, denen Adern aus ihrem Bein über ihr
Herz genäht werden. Hunde, denen Photozellen in die Augen genäht
werden. Menschen mit Schweinenieren. Bergkamp: Aber mit diesen Schweinenieren
überleben Menschen, sie werden durch diese Schweinenieren vor dem
Tod gerettet. Jacobi: Besser wäre es gewesen, es wäre niemand
auf diesen Gedanken gekommen, das wäre für alle Beteiligten
einfacher gewesen. Nur nicht für die Schweine, die ohnehin nicht
nur einen abscheulichen Tod sterben, sondern dazu auch noch eigens und
nur für diesen abscheulichen Tod gezüchtet werden. Wieso nähen
Sie mir nicht eine Schweineader über mein Herz, nehmen Sie doch die
Ader eines Schweines! Bergkamp: Nein, sie nähmen nur körpereigene
Gefäße, um die Gefahr einer Abstoßung zu verhindern.
Jacobi: Aber ich bin doch abgestoßen! gerade wenn Sie eine körpereigene
nehmen! gerade dann bin ich abgestoßen! Sie sind ja völlig
durcheinander mit Ihren Begriffen, Herr Doktor, Sie wissen ja gar nicht
mehr, was Sie reden. Das ist ja eines der schlimmsten Kapitel der deutschen
Medizin, das Sie da aufgeschlagen haben. Tierteile in Menschen einnähen,
ich sage nicht, woran mich das erinnert, ich sage es nicht. Mir wird schlecht,
habe er, Jacobi, gesagt, Herr Doktor Bergkamp, mir ist schlecht, speiübel
sogar, was Sie mir erzählen, ist gar nicht gut für mein Herz,
vielleicht hätten Sie noch ein Glas Wasser, bitte, mein Gott, mir
wird schwindlig. Tatsächlich sei er für einen Augenblick besinnungslos
gewesen. Der Doktor habe ihm tätschelnde Ohrfeigen gegeben. Jacobi
sei wieder zu sich gekommen. Wo bin ich, habe er gefragt. Er befinde sich
bei ihm, Doktor Bergkamp, in der Praxis. Er, Bergkamp, habe ihm seine
Diagnose stellen wollen, deshalb habe er sich bei ihm in der Sprechstunde
eingefunden. Er habe sich ein wenig aufgeregt, das habe zu der Ohnmacht
geführt, nichts Schlimmes, völlig normal, er müsse sich
keine Sorgen machen. Wegen der Operation könnten sie ja durchaus
ein andermal reden. Jacobi: Was für eine Operation. Nun, habe Doktor
Bergkamp gesagt, wegen der Herzoperation. Jacobi: Eine Operation? Nein,
niemals! Nicht mit ihm. Lieber sterbe er, als sich von ihm, Bergkamp,
operieren zu lassen. Niemals. Die Diagnose sei abgeschlossen, habe er
dann gesagt, es gebe nichts weiteres zu diagnostizieren. Doktor Bergkamp
habe diesen Satz auf die Verwirrung und Erschöpfung Jacobis geschoben,
denn an diesem sei es ja nicht gewesen, die Diagnose für abgeschlossen
zu erklären, sondern an ihm, Doktor Bergkamp. Dennoch sei Jacobi
aus dem Stuhl aufgestanden, unter Mühen und unter der Hilfe des Doktors,
habe seinen Mantel genommen und das Sprechstundenzimmer ohne Zögern
verlassen. Ich komme nie wieder, habe er dem Doktor zur Verabschiedung
gesagt, verlassen Sie sich darauf. (aus einem Roman)
Zitate der
Rede im üblichen Rahmen sind möglich und honorarfrei. Die Verwendung von
weiteren Ausschnitten müssen mit dem Verfasser, dem Tagungsbüro oder dem
Piper-Verlag geklärt werden.
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